1. "Kreml" nennt der Volksmund ein marodes Backsteingebäude auf dem Potsdamer Brauhausberg. Bis zur Wende saß hier die SED-Bezirksleitung, 1991 zog der Brandenburger Landtag ein.

2. 2001 nannte der damalige Ministerpräsident Manfred Stolpe (SPD) das Haus eine "Bruchbude"; Landtagspräsident Gunter Fritsch (SPD) sprach einmal vom "schäbigsten Landtag Deutschlands".

3. Nun, 2014, hat das Parlament eine neue Heimat: das im September 2013 fertiggestellte Stadtschloss in Potsdams Mitte. Es ist ein moderner Landtag in der Hülle eines rekonstruierten Barockschlosses. Das Vorbild hatte sich Friedrich der Große bis 1751 am Alten Markt als Winterresidenz ausgestalten lassen.

4. Das Gebäude wurde 1945 zerstört. Die DDR-Führung ließ 1960 die letzten Mauern wegsprengen. Jahrzehntelang war Potsdams Mitte eine Brache.

5. Architekt des Neubaus mit der Fassade aus Sandstein und rosa Putz ist der gebürtige Dresdner Peter Kulka. Auch Sachsens Landtag ist sein Werk.

6. Die Schloss-Idee war anfangs umstritten: Die Linken wollten lieber einen modernen Neubau und lenkten erst ein, als eine Mehrheit der Potsdamer Bürger für die Schloss-Rekonstruktion stimmte.

7. Auf dem Brauhausberg hatten Brandenburgs Parlamentarier nur provisorisch unterkommen sollen. Das Provisorium dauerte letztlich 22 Jahre.

8. Eines der Themen im letzten Plenum an alter Stelle war die neue Antirassismus-Klausel der Landesverfassung.

9. Am Ende der Sitzung nahm Landtagspräsident Fritsch den roten Adler, Brandenburgs Wappentier, von der Wand. Im neuen Plenarsaal wird der jedoch nicht gebraucht – dort hängt ein weißer Adler.

10. Am letzten Tag auf der Speisekarte der Kantine: Schnitzel, Buletten, Soljanka.

11. Mehrere Abgeordnete der Linken wollten an jenem Tag ein letztes Mal den Turm des Gebäudes besteigen. Umzugsstress vereitelte den Plan, doch die Parlamentarier planen, den Aufstieg nachzuholen. Charakteristikum des Turms: Spuren des entfernten SED-Emblems aus Polyester, das außen am Haus befestigt war – verblichen, aber noch lesbar.

12. Die Umzugswagen rollten vom 12. bis zum 14. Dezember 2013.

13. Beim Einpacken galt die Regel: circa zehn Kisten pro Person. Etwa 400 Menschen haben im neuen Landtag Quartier bezogen – trotzdem kamen 6.000 Umzugskisten zusammen. Aufeinandergestapelt ergäben die Kisten einen Turm von 3.000 Metern Höhe – etwas höher als die Zugspitze.

14. Annähernd 35 Tonnen Papier haben Abgeordnete und Mitarbeiter während des Umzugs entsorgt. Weil es keine Aufzüge gibt, wurde das Papier über Rutschen in Container befördert.

15. Zurückgelassen wurden die Möbel.

16. Protokollchef Jens Ullmann ließ dennoch Bierbänke und -tische mit umziehen, für Sommerfeste.

17. Eingepackt hat er auch die dicken roten Kordeln samt Aufsteller – für festliche Absperrungen.

18. Manches vom alten Inventar, ob Bürolämpchen, Stühle oder Regale, wird noch versteigert.

19. SPD-Fraktionschef Klaus Ness nahm neben seinen Arbeitsunterlagen nur zwei Bilder mit: ein Foto des glücklich weinenden Willy Brandt von 1989 und ein SPD-Wahlplakat aus der Weimarer Republik. Das Klappbett in seinem Büro musste im alten Gebäude bleiben. Das hatte sich der erste SPD-Fraktionsvorsitzende nach der Wende, Wolfgang Birthler, einbauen lassen, weil er gern Mittagsschlaf hielt. Wegen häufiger Mittagssitzungen kam er kaum dazu. Dafür nutzte Regine Hildebrandt, in den neunziger Jahren Sozialministerin und damals bereits an Krebs erkrankt, das Bett an langen Plenartagen.

20. Linken-Fraktionschef Christian Görke nahm beim Umzug ein Paar Miniaturboxhandschuhe mit (Relikt der Oppositionszeit) – und ein Straßenschild "Brandenburger Weg", ein Geschenk der SPD, als Dank für die parteiübergreifende Zusammenarbeit während der ersten Parlamentsjahre nach 1990.

21. Andreas Büttner, der FDP-Fraktionsvorsitzende, hat seine Modellautosammlung und einen Polizeieinsatzhelm mit ins neue Büro genommen. Büttner war in seinem früheren Leben Polizist.

22. Dieter Dombrowski, der CDU-Fraktionschef, wollte sich nicht von seiner Polstergarnitur trennen.