Deutsche Soldaten haben eine Menge auszuhalten, und das nicht nur in Kampfeinsätzen: An der Heimatfront verunsichern der Umbau zur Berufsarmee, eine Drohnenaffäre und vier Verteidigungsminister in fünf Jahren die Truppe.

Sie wird zudem seit Langem mit doppeldeutigen Botschaften traktiert: Es ist Krieg, da müsst ihr kämpfen und tapfer sein, und ja, auch töten und sterben! Was genau ihr auf dem Schlachtfeld tut und was das mit euch anstellt, wollen wir dann lieber nicht wissen. Oder auch: Professionalisiert euch, werdet eine Berufs- und Einsatzarmee – wenn wir diese auch künftig nicht mehr losschicken wollen, weil das politisch kaum noch durchsetzbar ist. Helden seid ihr, aber bitte kommt nicht in die Schulen, um den Kindern vom Krieg zu erzählen!

Thomas de Maizière, der letzte Minister, trieb die Zwiespältigkeit gegenüber den Bürgern in Uniform mit paradoxen Appellen auf die Spitze: Soldaten, seid stolz auf euren Dienst, begreift euch als Teil der Gesellschaft – aber um Himmels willen "giert nicht nach Anerkennung".

Was denn nun? Die neue Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen ist angetreten, mit dieser systematischen Verunsicherung zu brechen. Ihre erste Botschaft, verbreitet durch eine ganze Welle von Interviews, lautet: Ich mag euch, ich will es für euch leichter, normaler machen. Die ehemalige Familien- und Arbeitsministerin spricht über die Truppe im Jargon der Sozialpolitik: "Die Bundeswehr soll einer der attraktivsten Arbeitgeber in Deutschland werden."

Kasernen als Dreigenerationenhäuser mit vielen olivgrünen Stramplern

Von der Leyen will darum die Familienfreundlichkeit der Armee vorantreiben: Sie verspricht den Soldaten verlässlichere Karriereplanung, weniger sinnlose Versetzungen, mehr Teilzeitarbeit, und sie will in den Kasernen "in Randzeiten sehr viel mehr mit Tagesmüttern arbeiten". Es soll keine Lehrgänge mehr in den Schulferien geben und natürlich die bestmögliche Kinderbetreuung. Kein Wunder, dass das Begeisterung auslöst. Vertreter der Soldaten haben seit Langem diese und andere Erleichterungen gefordert. Niemand wird sie ihnen missgönnen, wenn sie denn finanzierbar sind.

Dennoch ist etwas Verstörendes an diesem ersten Auftritt der Ministerin. Sie spricht von der Bundeswehr wie eine erfahrene Sozialingenieurin, die sich nun eben daranmacht, nach Familie und Arbeitsmarkt den nächsten Gesellschaftsbereich umzubauen. Die Kaserne als riesiges, nachhaltiges Dreigenerationenhaus, mit ganz vielen olivgrünen Stramplern und idealer Fight-Life-Balance? Bessere Vereinbarkeit von Krieg und Familie? Schön und gut, aber wozu eigentlich?

Wie es mit den Auslandseinsätzen in Zukunft weitergeht, welche Rüstungsprojekte darum sinnvoll sind (und welche nicht) und, ganz grundsätzlich, wofür Deutschland überhaupt Streitkräfte braucht: Dazu verliert von der Leyen kein Wort. Es liegt ein gewisser Unernst darin, wie die Ministerin von der Bundeswehr als einem Arbeitgeber wie jedem anderen spricht, der sich vor allem darum reformieren muss, weil er auf dem Arbeitsmarkt nun mal um die besten Kräfte konkurriere. Ursula von der Leyen weicht der nötigen Debatte um den Zweck des Militärischen in postheroischen Zeiten aus, die unter den Soldaten, vor allem den in Auslandseinsätzen erfahrenen, längst geführt wird.

Denn was es heißt, Soldat zu sein, das verändert sich in diesen Tagen radikal, und zwar aus zwei Gründen: Unsere Uniformierten sind erstens selbst das Spiegelbild einer Gesellschaft, die immer bunter, weiblicher und individualisierter wird. Zweitens haben sich Bedrohungen und damit mögliche Einsätze verändert – statt um Abschreckung und Landesverteidigung mit Panzerkolonnen und Raketen geht es bei den heutigen Interventionen darum, eine Welt voller scheiternder Staaten und unberechenbarer Gewaltakteure zu stabilisieren. Im Kosovo ist das gelungen, in Afghanistan nicht. Die Bundeswehr beendet in diesem Jahr Deutschlands längsten Kriegseinsatz. Was folgt denn nun aus dieser Erfahrung?

Zweifellos: Auch Männer in Uniform (nicht nur die immer zahlreicheren Soldatinnen) wollen häufiger bei ihren Kindern sein, und sie haben oft anspruchsvolle Partner mit einem eigenen Lebensentwurf. Viele von ihnen sind wache, kritische Zeitgenossen und übrigens instinktiv meist gegen den Krieg – schon weil sie es sind, die ihn im Zweifel führen und erleiden müssen. Aber sind sie im Ernstfall – ein kleineres, netteres Wort gibt es dafür nicht – zum Opfer bereit? Das unterscheidet ihren Beruf von jedem anderen. Soldaten wollen heute wissen, warum sie eingesetzt werden, wo sie unter Umständen ihr Leben verlieren können. Sie fragen, warum die Ausrüstung nicht zum Auftrag passt und die Auftraggeber – in der Demokratie sind das wir alle – sie bestenfalls mit Desinteresse behandeln. Sie brauchen eine strategische Debatte vielleicht noch dringender als ein Lebensarbeitszeitkonto. Das Hauptproblem liegt an der Sinnfront.

Oder ist etwa dies der heimliche Sinn hinter all den widersprüchlichen Signalen: Eine Armee, die ohnehin nicht eingesetzt werden soll, kann sich auch ganz auf ihre innerbetrieblichen Sorgen konzentrieren?

Ursula von der Leyen hat schon gezeigt, dass sie als Politikerin sehr vieles kann. Sie hat Courage und Durchsetzungskraft. Jetzt müsste sie sich dieser Frage stellen: Wo kann die neue Bundeswehr in einer hochkomplexen Welt mit modernen, selbstbewussten Soldaten ein Instrument der Friedenssicherung sein?

Und wo nicht?

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