Wie viele Musiker ihrer Generation gehört auch die 28-jährige Pianistin Olga Scheps zu jenen Jungstars, die gewissermaßen gegen ihr eigenes PR-Image anspielen müssen, um so ernst genommen zu werden, wie es ihnen gebührt. Scheps’ Debüt-CD, ein reines Chopin-Programm, wurde 2009 gleich mit dem Echo-Klassik-Preis prämiert. Nach zwei weiteren CDs mit russischem Repertoire und Werken von Schubert kehrt sie nun mit den beiden Klavierkonzerten zu Chopin zurück. Das passt ins Bild: Denn auch er wird hierzulande hartnäckig unterschätzt, es hält sich das verniedlichende Klischee vom virtuosen Salonmusiker.

In Wahrheit gibt es kaum etwas Schwierigeres auf dem Klavier, als jene gestaltsichere Offenheit zu realisieren, in der sich Chopins Musik scheinbar spontan immer wieder neu und überraschend entfaltet. Wer seine Klanglandschaften mit dem Gestus des Kenners durchmisst, dem nichts fremd und verborgen ist, hat immer schon verloren.

Dass Olga Scheps das Klavierspielen als Tochter zweier Pianisten wie eine Muttersprache erlernt hat, kommt ihr hier ungemein zugute. Ihr Rubato, ihr freier Umgang mit Beschleunigung und Verlangsamung, ist weit mehr als nur subjektive Manier. Es strömt frei und stimmig zugleich und zielt auf die Verdeutlichung der einzelnen Charaktere: geradezu traumverloren in den Verzierungen und Arabesken der Mittelsätze beider Konzerte, insbesondere des Larghettos im f-Moll-Konzert, das der 19-jährige Chopin als Liebeserklärung an eine Sängerin komponierte.


Einfühlsam begleitet vom Stuttgarter Kammerorchester unter Matthias Foremny (eingespielt wurden die Fassungen für Streichorchester beziehungsweise Streichquintett von Richard Hofmann und Ilan Rogoff), lotet Scheps die harmonischen Lichtwechsel mit subtilem Klangsinn aus, entlockt dem Flügel auch im Piano noch eine staunenswerte Palette dynamischer Nuancen und lässt einzelne Töne bisweilen matt schimmern wie Perlen. In den besten Momenten gelingt es ihr, hinreißend auf ihrem Instrument zu "singen" – Chopins Ideal war schließlich Bellini, die italienische Oper!

Bei aller Zartheit klingt Scheps’ Spiel freilich nie überzuckert (und das ist eine Kunst), eher leicht melancholisch-verhalten. Manches hat enorm viel Charme, etwa der Rondo-Schlusssatz des e-Moll-Konzerts, dessen tänzerisches Thema Scheps wie eine kokette Ballerina mit großer Akkuratesse in grazil gesetzten Schritten ausführt. Von den Abgründen freilich, die in Chopins Musik den Gegenpol zur promesse du bonheur bilden und die sich etwa im Rezitativ des Larghettos aus dem f-Moll-Werk Bahn brechen, bekommt man in Scheps’ Einspielung nur eine ferne Ahnung. Bis zur großen Chopin-Interpretin ist der Weg noch recht weit. Bleibt zu hoffen, dass der Markt ihr die Zeit und die Muße lässt, ihn zu gehen.

Olga Scheps – The Chopin Concertos (Sony)