Wer außer uns hätte auch in den wirtschaftlich bewegten Zeiten der nuller Jahre Motivation gehabt, neun Semester lang über eigene Kurzgeschichten-Ideen zu diskutieren? Die erschütternd wenigen Mitschüler aus meinem Heidelberger Gymnasium, die nicht der etabliertesten Mittelschicht angehörten, hatten definitiv andere Interessen als ein Dichter-Studium. In den gelingendsten Fällen wurden sie App-Entwickler, es gelten die goldenen Worte der Wikipedia-Chefin Sue Gardner: "Die besten Köpfe meiner Generation denken nur noch darüber nach, wie man Menschen dazu verleitet, auf Werbung zu klicken."

Die Erfolgsgeschichte der deutschen Schreibschulen ist also die Dominanzgeschichte eines einzigen beharrenden Milieus. Die zwanzigjährigen Rolf Dieter Brinkmanns von heute machen alles Mögliche, bloß nicht ausgerechnet die Literatur mit abweichenden Stimmen und Erfahrungshintergründen anreichern. Was wiederum bloß Seitenepisode eines größeren Umwandlungsprozesses ist, der längst das gesamte literarische Feld betrifft. Der britische Buchwissenschaftler John B. Thompson spricht von einer "Spaltung" des Buchmarkts, die durch drei Kräfte vorangetrieben wurde: den Aufstieg mächtiger Handelsketten, den Aufstieg riesiger Verlagskorporationen und den Aufstieg einflussreicher Literaturagenten, die wahre Börsenhypes rund um einzelne Bücher lostreten können.

Gemeinsam erhöhen diese drei Veränderungen den Selektionsdruck. Obwohl insgesamt immer mehr Bücher publiziert werden, entscheidet eine immer kleinere Konstellation von Großagenten, Großverlagen und Großhändlern, welche dieser Bücher die Chance erhalten, zu deutlich sichtbaren Erfolgen hochgepusht zu werden. Wer heute als Autor erfolgreich sein will, der muss in diese Kreise eintreten. Mit innerhalb des vergangenen Jahrzehnts rapide gewachsener Wahrscheinlichkeit gehört er zu einer ganz bestimmten In-crowd aus publizierenden Prominenten und Buchmarktleuten, Journalisten und Betriebsnudeln. Er ist Teil eines informellen Geflechts, das sich vor allem dadurch definiert, dass die allermeisten Schreibenden niemals andocken können.

Inmitten dieser den Buchmarkt umstülpenden Transformation saß ich als zwanzigjähriger Hornbrillen-Jungautor ab 2002 in meinen Schreibwerkstätten. Es waren die letzten Jahre vor den Bologna-Reformen, schöner als damals in Hildesheim konnte man kaum studieren. Wir kritisierten unsere Romanversuche gegenseitig in Schutt und Asche und trafen echte Dichter. Wir lasen uns auf Venedig-Exkursion Joseph Brodsky vor und präsentierten uns bei einer alljährlichen Lektorenkonferenz, zu der die wichtigsten Lektoren für Gegenwartsliteratur eigens nach Hildesheim anreisten. Wir gaben eine Literaturzeitschrift heraus und gründeten etwas später sogar ein vom Betrieb freudvoll aufgenommenes Literaturfestival. Kurzum: Wir machten großartige Sachen, und wir machten zugleich höchst professionelle Sachen.

Und heute, zwölf Jahre später? Nun: Irgendwann endet sogar eine Dichterausbildung. Ein zweites Mal spielte die soziale Selektionsmaschine Schicksal. Denn für Endzwanziger bedeutet es nun einmal eine Fundamentalentscheidung gegen jegliche Art von realistischer Zukunftsplanung, nach dem Studium über Jahre hinweg an einem möglichst fulminanten Debütroman zu laborieren. Ein Kommilitone, der zwischen seinem zwanzigsten und seinem dreißigsten Lebensjahr nichts getan hatte, als in seiner Schreibklause sprachkritische Gedichte auf den Spuren Thomas Klings zu schreiben, verdingte sich irgendwann notgedrungen zuerst im Callcenter und schließlich bei einer PR-Agentur, dichtet daneben aber noch heute. Aus meinem Diplomschriftsteller-Jahrgang gingen weiter hervor: zwei Werbetexter, eine Anwaltsfachangestellte, eine Marketingberaterin und ein selbstständiger Tontechniker.

Als hauptberufliche Schriftsteller aber plumpsten nicht einfach die beliebig talentiertesten Lehrer- und Ärztekinder des Studiengangs vom Fließband. Natürlich gibt es auch einige Olga Grjasnowas, Saša Stanišićs und Clemens Meyers da draußen, wobei übrigens auch jemand mit Häkchen über dem Nachnamen humanistische Bildung genossen haben kann, und mir persönlich überhaupt alle drei Autoren unangenehm häufig auf ihre angeblich artfremden Hintergründe hin exotisiert werden. Insgesamt aber reüssierten meiner Wahrnehmung nach in Hildesheim und Leipzig ganz besonders die Absolventen mit den hochrangigsten bundesrepublikanischen Eltern: Professorenkinder wie Nora Bossong, Paul Brodowsky oder auch ich, eine Bundestagsdirektoren-Tochter wie Juli Zeh, ein Richtersohn wie Thomas Pletzinger, ein Managersohn wie Leif Randt. Zwar mit typisch akademischem Hungergehalt, dafür aber mit sozialem Glanz verbunden sind auch die Stellen als wissenschaftliche Mitarbeiter an den Schreibinstituten. In Hildesheim besetzen diese auffälligerweise von Hunderten Absolventen mit den Autoren Kevin Kuhn und Thomas Klupp zwei Söhne aus allerbesten Familien. Thomas lebt inzwischen in der Nähe von Hildesheim unter letztlich neofeudalen Bedingungen, in einem hinreißenden klassizistischen Herrenhaus mit angeschlossenen Parkanlagen.