Am 21. November des vergangenen Jahres veröffentlichte die Stuttgarter Staatsanwaltschaft eine Zahl, auf die sehr viele in Baden-Württemberg lange gewartet hatten. Sie lautete: 778.621.577,78. Die politische Botschaft, die dabei mitschwang, hieß: Um so viel Geld, um mehr als eine Dreiviertelmilliarde Euro, sei das Land geschädigt worden. So verstanden es jedenfalls die Medien. Millionen verpulvert, schrieb die taz. Bittere Pille für Mappus, titelte die Stuttgarter Zeitung.

Mappus, Vorname Stefan, ist der angebliche Schurke in dieser Geschichte, der Millionenverpulverer. Seit Juli 2012 ermitteln die Stuttgarter Staatsanwälte, ob der damalige CDU-Ministerpräsident beim Kauf der Aktien des Energieversorgers EnBW im Dezember 2010 womöglich zu viel gezahlt hat. Seit mehr als zwei Jahren tagt dazu auch ein Untersuchungsausschuss im Landtag.

Was die Staatsanwälte im November veröffentlichten, war das Ergebnis eines Gutachtens, das die These vom überhöhten Kaufpreis prüfen sollte. Es bestätigte alle Vorwürfe. So schien es jedenfalls.

Nun tauchen Zweifel auf. Wie unvoreingenommen arbeitete der Gutachter, den die Ermittler beauftragten? Könnte es sein, dass auch die Staatsanwälte nicht ganz frei von, sagen wir mal, politischen Hintergründen agieren? Könnte es gar sein, dass sich in den Ermittlungsakten ein entlastendes Dokument findet, das aber nicht veröffentlich wird? Und welche Rolle spielt eigentlich die grün-rote Landesregierung?

Es sind nur Fragen, aber die Suche nach Antworten legt nahe, dass es sich um mehr als nur eine Geschichte über den Kauf eines Stromversorgers handelt. Womöglich ist dies ein Politkrimi, bei dem die Justiz eine besondere Rolle spielt.

1. Die Vorgeschichte

Beim Kauf der EnBW-Anteile Ende 2010 lässt sich Mappus von der Investmentbank Morgan Stanley beraten. Deren damaliger Deutschlandchef ist sein Freund Dirk Notheis, den Mappus aus der gemeinsamen Zeit in der Jungen Union kennt. Abgewickelt wird der Kauf am Landtag vorbei. Weil der Verkäufer, der französische Stromkonzern EdF, keine Parlamentsabstimmung will, wählt Mappus den Weg über das sogenannte Notbewilligungsrecht der Landesverfassung. So haben es die Anwälte vorgeschlagen.

Am 11. März 2011 kommt es zur Nuklearkatastrophe von Fukushima. Am 27. März verliert Mappus die Landtagswahl. Der Grüne Winfried Kretschmann wird Ministerpräsident. Die neue Regierung gibt ein Gutachten in Auftrag, um den Kaufpreis zu prüfen. Das Ergebnis: Mappus habe 840 Millionen Euro zu viel ausgegeben. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart beginnt, gegen Mappus zu ermitteln, wegen des Verdachts auf Untreue. Auch gegen Notheis wird ermittelt, wegen möglicher Beihilfe. Im März 2013 geben die Staatsanwälte ein zweites Gutachten in Auftrag, bei Wolfgang Ballwieser, einem Wirtschaftsprofessor aus München.

2. Der Rechenfehler

Auch die Anwälte von Notheis beauftragen einen Gutachter, ebenfalls einen bekannten Wirtschaftsprofessor, Henner Schierenbeck. Er kommt zum Ergebnis, dass der Kaufpreis von 41,50 Euro je Aktie fair gewesen sei. Notheis’ Anwälte fühlen sich bestätigt und legen das Gutachten beiseite.

Dann, im November 2013, geht die Staatsanwaltschaft Stuttgart mit dem Ergebnis ihres Gutachtens an die Presse. "Aufgrund der Einschätzung des Sachverständigen" gebe es "eine Differenz von 778.621.577,78 Euro zwischen dem vereinbarten Kaufpreis und dem Wert der gekauften Aktien".