Es war einmal ein Mann, der glaubte, dass alle Menschen fliegen können müssten. Schon als 15-Jähriger balancierte er auf dem Geländer einer Brücke über die Autobahn – um sich die Höhenangst auszutreiben. Er hat sich von Staumauern und aus Hubschraubern gestürzt und ist wie Karlsson vom Dach mit einem Propeller auf dem Rücken von München nach Berlin geflogen. Inzwischen hat er schon rund zwei Millionen Deutsche dazu gebracht, auf die ein oder andere Weise mit ihm abzuheben.

In das Innere dieses Mannes vorzudringen ist leicht. Stets hat er ein Video davon dabei, auf seinem Tablet-Computer. Fein säuberlich aufgeklappte Hautlappen sind darin zu sehen, darunter schimmern rot das Fleisch und silbern die Technik: ein Kniegelenk aus Titan. Das menschliche Originalteil war verschlissen. "Arthrose", sagt sein Besitzer, Spätfolgen eines Unfalls im Mai 1984.

Damals wollte Jochen Schweizer mit seinem Kajak einen Wasserfall der Sesia hinabfahren, eines Wildflusses in Italien. Hunderte Male hatte er so etwas schon gemacht: sich waagerecht über die Kante hinauskatapultiert, um im ruhigeren Wasser hinter der Sturzflut sicher zu landen. Ein Stunt wie ein Sinnbild seines Lebens: volle Pulle raus aus dem normalen Fahrwasser, sich vorwagen in Randzonen der Existenz, um daraus, vollgetankt mit der "positiven Kraft der Unsicherheit", zurückzukehren.

Er verkauft Bratwurst-Seminare – und Weltraumflüge

Doch diesmal kippt das Boot, senkrecht taucht Schweizer in das tosende Wasser ein und steckt am Flussgrund fest wie ein Speer. "Normalerweise ist so ein vertical pin das Todesurteil", sagt er heute. Mit aller Gewalt stemmt sich der damals 27-Jährige, einer der besten Wildwasserfahrer der Welt, gegen das Schicksal und aus dem Boot, biegt dabei sein linkes Knie über den Lukenrand gegen die Anatomie – und bricht es frontal durch. Nach einer Odyssee durch italienische und deutsche Krankenhäuser schrammt er an einer Amputation knapp vorbei. Nur das Knie macht drei Jahrzehnte später schlapp. Da ist die Medizintechnik aber so weit, dass selbst eine Vollprothese den Tatendrang dieses Mannes nicht stoppt.

Das merkt schnell, wer den Abenteuer-Unternehmer in seiner Münchner Firmenzentrale besucht. Die beiden Etagen in einer ehemaligen Nähfabrik sind durch eine Stange verbunden, wie sie Feuerwehrleute auf dem Weg zum Einsatz hinabrutschen. Wer dem Chef bei der Betriebsbesichtigung folgen will, kommt nicht umhin, sich hinter ihm her daran hinabzustürzen. Dann geht es in schnellem Schritt durch die verschiedenen Abteilungen, in denen die Bürostühle Flugzeugsitzen nachempfunden sind. An nahezu jeder Wand begegnet der Chef sich selbst auf riesigen Fotos: als Fallschirmspringer, beim Tiefschneefahren, als Kanute, beim Yoga – der Mann ist die perfekte Verkörperung seiner Marke.

Aus seinem Freiheitsdrang, seiner Sehnsucht nach Grenzerfahrung hat Schweizer ein Geschäft gemacht. Über 1.300 "Erlebnisse" für jedermann hat seine GmbH im Angebot, vom Bratwurst-Seminar für 39,90 Euro bis zum Weltraumflug für 80.000 Euro. Dazwischen ist alles möglich: Goldwaschen, Skifliegen, Feng-Shui, Schwimmen mit Robben ...

Schweizer ist so etwas wie die gute Fee der Überflussgesellschaft: Er erfüllt die Wünsche derer, die nicht mehr wissen, was sie sich noch wünschen sollen. Durch Marktforschung hat er herausgefunden, was den Menschen in der durchökonomisierten Moderne umtreibt: "Das sind vor allem zwei Fragen: Was machen wir morgen? Und: Was soll ich verschenken? Diese Fragen beantworten wir besser als alle anderen." Materielle Geschenke seien im Schnitt nach fünf Jahren aus dem Haushalt verschwunden. Schweizer verkauft etwas, das bleibt: Erlebnisse. "An Ihren ersten Bungee-Sprung erinnern Sie sich ein Leben lang!"

Mit dem Sprung in die Tiefe, nur ein Gummiseil um die Fesseln geschlungen, fängt alles an. 1987 soll Schweizer für Willy Bogners Film Fire, Ice & Dynamite spektakuläre Kanu-Stunts liefern. In der Langeweile der Drehpausen stürzt er sich, eine spinnerte Idee aus England aufgreifend, von einer Brücke, gehalten nur von einem selbst gebastelten Strick aus Transportgummis. Wie beim Jo-Jo hüpft er auf und ab – ein neuer Kick ist geboren. "Für einen kurzen Moment schwebst du jenseits der natürlichen Ordnung. Und weil der Mensch dafür gar nicht gemacht ist, hat der Moment etwas Magisches. Angst, Lust, Glück – das ist die Dramaturgie des Bungee-Springens." Und seiner Karriere. Drei Jahre später geht die erste Sprunganlage in Betrieb, aus dem Stuntman wird ein Event-Unternehmer. Er erfindet den Vertical Catwalk, die Modenschau auf der Senkrechten einer Hochhausfassade, und katapultiert Adrenalinjunkies auf einem Raketenwasserstrahl durch die Gegend.