Mit der sich über viele Jahre hinziehenden Fischer-Kontroverse war das bis dahin unangefochtene konservative Deutungsmonopol gebrochen. Deutschlands Hauptverantwortlichkeit für die Auslösung des Krieges im Sommer 1914 war seitdem kaum mehr strittig. Gestritten wurde freilich weiter über die Motive der deutschen Politik in der Julikrise: Waren sie offensiver oder defensiver Natur? Oder vielleicht beides zugleich?

Den Krieg nicht gewollt, aber in Kauf genommen

Der Historiker Fritz Fischer wurde mit dem Buch "Griff nach der Weltmacht" international bekannt. Doch bis heute schmähen ihn viele deutsche Kollegen. © dpa

Nicht durchgesetzt hat sich Fischer mit seiner in späteren Arbeiten verschärften These, die Reichsleitung habe seit dem berüchtigten "Kriegsrat" vom Dezember 1912 den großen Krieg geplant und ihn eineinhalb Jahre später zielstrebig herbeigeführt. Mehr Plausibilität erlangte eine konkurrierende Deutung: Danach hatten Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg und das Auswärtige Amt nach dem Attentat von Sarajevo im Juni 1914 eine hochgefährliche Strategie des "kalkulierten Risikos" eingeschlagen, die den großen Krieg zwar nicht gewollt, ihn aber bewusst als Option in Kauf genommen hatte.

Von derlei Differenzierungen wollen die neuen Apologeten freilich nichts wissen. Nicht nur halten sie unverdrossen am Popanz der angeblichen "Alleinschuld"-These fest; sie unterstellen auch, Fischers Sicht habe die Forschung in der Bundesrepublik lange Zeit einseitig dominiert. Dass Deutschland zwei Weltkriege angezettelt habe, sei bislang "weitgehend Konsens" gewesen, klagt zum Beispiel die Publizistin Cora Stephan in der Welt, um gleich darauf triumphierend festzustellen, dass nach Clarks "minutiösen Analysen" von einer deutschen "Schuld" am Ersten Weltkrieg nicht mehr die Rede sein könne, die Verantwortung dafür vielmehr alle beteiligten Nationen gleichermaßen treffe. Das ist die neue alte Lesart: Die Staatsmänner Europas haben gleichsam unwillentlich agiert, wie "Schlafwandler" eben, die sich der gefährlichen Konsequenzen ihres Tuns nicht bewusst sind.

Fritz Fischers Methodik würde heute in keinem Proseminar mehr akzeptiert.
Herfried Münkler, Politologe

Die Begeisterung für diese "neue Sicht" geht einher mit einer Herabsetzung Fritz Fischers, die in manchem an die Kampagne gegen ihn in den sechziger Jahren erinnert. Den Vogel schießt dabei zweifellos der Berliner Politikwissenschaftler Herfried Münkler ab, dessen neues Buch über den Ersten Weltkrieg sich als Fortsetzung des Clarkschen Werkes lesen lässt. Hatte Gerhard Ritter mit Blick auf Fischers Buch noch von "völlig unreifen Thesen" gesprochen, so erklärte Münkler jüngst in einem bemerkenswerten Interview in der Süddeutschen Zeitung, "Fritz Fischers Methodik würde heute in keinem Proseminar mehr akzeptiert".

"Politischer Masochismus" oder Kehren vor der eigenen Tür

Gewiss, Fischers Studien waren, anders als die Clarks, nicht international vergleichend angelegt – es war nach den Verbrechen des Nationalsozialismus ja auch angezeigt, zunächst einmal vor der eigenen Haustür zu kehren. Aber darf man deshalb mit Münkler sein gesamtes Werk als "gut gemeinte Psychotherapie, aber keine Wissenschaft" abqualifizieren? Das ist, schon allein angesichts der historischen Leistung und des internationalen Renommees Fischers, ebenso präpotent wie abwegig.

Der australische Historiker Christopher Clark hat zum 100. Jahrestag des ersten Weltkriegs das Buch "Die Schlafwandler" herausgebracht.

"Politischer Masochismus" – so hieß die Formel, mit der Fischers Gegner seinerzeit sein Werk in Misskredit zu bringen suchten. Heute lautet der Vorwurf: "Schuldstolz". Er richtet sich nun auch gegen die Kritiker Clarks, die immer noch nicht von der These der deutschen Hauptverantwortung für den Ersten Weltkrieg ablassen wollen. Sie stünden geradezu unter dem Zwang, immer wieder die deutsche Schuld bekennen zu müssen, ja zögen daraus die höchste Befriedigung.

In solchen Attacken wird deutlich, worauf der teils schrille deutsche Jubel über Clarks Schlafwandler letztlich zielt: Es geht um eine geschichtspolitische Weichenstellung. Was den Konservativen im "Historikerstreit" der achtziger Jahre noch missglückte – nämlich die Deutungshoheit über die deutsche Geschichte zurückzugewinnen –, das soll jetzt gelingen. Es fällt auf, wie matt der Widerspruch bislang war. In der Zunft scheint man des Streites müde geworden zu sein.