Christopher Clarks Buch ist in England sehr viel zurückhaltender aufgenommen worden als in Deutschland. Es überrasche ihn, merkte etwa der Rezensent des Spectator ironisch an, dass Clark bei seinen Vorlesungen noch keine Pickelhaube trage. Hierzulande gilt der sympathische Historiker aus Cambridge, nicht zuletzt wegen seiner australischen Herkunft, als unvoreingenommen; von ihm lässt man sich gern Versöhnliches über die preußisch-deutsche Geschichte sagen. So kann man von konservativer Seite denn auch problemlos anknüpfen an die nationale "Meistererzählung" zum Ersten Weltkrieg, wie sie vor der Fischer-Kontroverse kanonische Geltung besaß.

Es gibt offensichtlich Entlastungsbedürfnisse

Keine Frage: Der Blick über den nationalen Tellerrand ist notwendig, ist selbstverständlich. Auch die anderen europäischen Nationen tragen Verantwortung für den Beginn des Weltkriegs. Deutschland war vor 1914 wahrlich nicht der einzige Störenfried im Mächtekonzert – das haben viele wissenschaftliche Studien der vergangenen Jahre gezeigt, und hier liegen auch die Stärken von Christopher Clarks Buch. Aber es waren eben die Regierungen in Wien und Berlin, welche die Julikrise zur Machtprobe nutzten, es war vor allem die deutsche Reichsleitung, die mit ihrem "Blankoscheck" an den österreichisch-ungarischen Bundesgenossen vom 5./6. Juli 1914 für die entscheidende Eskalation sorgte. Dieser Wille zur Zuspitzung unterscheidet die Julikrise von den vielen anderen, die in den Jahren zuvor immer noch entschärft werden konnten. Bislang sind keine Quellen bekannt geworden – und auch Clark führt sie nicht an –, die diese Erkenntnis erschüttern könnten.

Aber geht es überhaupt noch um historische Tatsachen? Die Schuldfrage spiele keine wichtige Rolle mehr, haben zuletzt Dominik Geppert, Sönke Neitzel, Cora Stephan und Thomas Weber in einem gemeinsam gezeichneten Manifest in der Welt behauptet. Und doch ist ihr Artikel überschrieben: Warum Deutschland nicht allein schuld ist. Die Schuldfrage besser nicht mehr stellen zu wollen, weil einem womöglich die Antwort nicht passt: Das ist ein sehr durchsichtiges Manöver. Und so lässt sich der über alle Erwartungen große Erfolg von Clarks Buch wohl nicht allein auf den guten Stil des Autors zurückführen. Offenkundig spielen hier auch tief sitzende Entlastungsbedürfnisse eine Rolle: Wenn schon die deutsche Alleinschuld an der Entfesselung des Zweiten Weltkriegs außer Zweifel steht, so will man doch wenigstens nicht am Ersten Weltkrieg schuld gewesen sein, jedenfalls nicht schuldiger als die anderen Mächte.

Dieser Wunsch scheint umso übermächtiger zu werden, je mehr Deutschland aufgrund seiner ökonomischen Stärke eine führende Rolle in Europa spielt. Wieder sind hier die wunderlichen Interview-Äußerungen von Herfried Münkler in der SZ von erfrischender Deutlichkeit: "Es lässt sich kaum eine verantwortliche Politik in Europa betreiben, wenn man die Vorstellung hat: Wir sind an allem schuld gewesen."