Gerade ist das Wagner-Jahr mit Pauken und Trompeten zu Ende gegangen, da meldet sich der beste Spürhund der Süddeutschen Zeitung und unterbreitet seinen Lesern eine "Enthüllungsstory", die leider so haltlos ist, dass wir ihr an dieser Stelle streng widersprechen müssen. Der Kollege Hans Leyendecker behauptet doch tatsächlich dies: Am 26. Januar des Jahres 2002 hätten sich bekannte Wirtschaftsführer in der Walhalla zu Hannover mit Bundeskanzler Schröder zu einem Festmahl getroffen und konspirativ über das Schicksal des Medienunternehmers Leo Siegfried Kirch beraten. Die Gäste von Gerhard Wotan Schröder waren nach Angaben der SZ Rolf Hagen Breuer von der Deutschen Bank sowie Thomas Gunter Middelhoff, der König von der Bertelsmann-Burg in Gütersloh. Alle wollten angeblich nur das eine: Sie wollten Siegfrieds Rheingold, denn bald, ja schon bald würde der Drachentöter Leo Kirch zu Fall kommen.

In ihrem Artikel verbreitet die SZ den Eindruck, unser Bundeskanzler habe im dunklen Hinterzimmer klammheimlich und am Parlament vorbei mit nibelungentreuen Wirtschaftshelden Absprachen getroffen – und zwar genau so, wie linke Systemfeinde dies immer behaupten. Das ist undenkbar, und man muss schon Journalist bei der Süddeutschen sein, um das Undenkbare mit der Wirklichkeit zu verwechseln. Nicht einmal die Details stimmen hier: Am 26. Januar 2002 war die Nacht über Hannover nicht sternenklar, sondern sie war trübe, milchig und nasskalt. Der Maschsee ist auch nicht groß und romantisch, er ist dumm, flach und eckig. Es war auch kein "rätselhafter" und undurchsichtiger Abend, wie Herr Leyendecker spekuliert; das Stelldichein war für alle Beteiligten transparent und die Butzenscheibe des Restaurants Wichmann wie immer blitzsauber.

Ja, es ist schon bemerkenswert, dass eine seriöse Zeitung deutsche Eliten für ihre Nähe zu Politikern tadelt, die sehr menschlich und in befreundeten Ländern an der Tagesordnung ist. Das ist Schmähkritik an den Mächtigen, und sie schadet Deutschlands Führungsrolle in Europa. Wie riesig dabei die Recherche-Lücken der SZ sind, zeigt schon der Umstand, dass sie nicht einmal von der leckeren Speisekarte Kenntnis hat. Für alle, die informiert sein möchten: Wotans wilde Jagdgesellschaft verköstigte "Fafnergold" Spätlese, es gab Wildschwein auf der Brombeere, dazu Pellkartoffeln "Brünnhilde" mit Wälsungen-Soße und flambierte Götterspeise nach Art des Hauses. Hartmut Alberich Mehdorn fehlte leider. Sein Berliner ICE war wegen Triebkopfschadens hinter der Wolfsburg liegen geblieben.

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