"Hurra, wir haben einen König!", spottete der nationalkonservative Publizist Éric Zemmour, als ruchbar wurde, dass François Hollande eine heimliche Geliebte hat. Frankreichs Präsident habe damit an eine Tradition des Königshofes angeknüpft. Da lacht die Republik.

Nichts entgeht dem Gesetz des Komischen, auch die Politik nicht, in keinem Land. Denn Politik existiert wegen der allgemeinen Interessen; sie zielt auf etwas Großes. Doch gemacht wird sie von lebendigen Menschen mit ihrem Ehrgeiz, ihren Marotten und allem, was sie klein macht. Aus dieser Spannung entstehen Komödien, auch traurige.

Frankreichs Präsident stahl sich also über Monate auf dem Hintersitz eines Motorrollers, gefahren von Sicherheitsbeamten, des Nachts in eine Wohnung in der Nähe des Élysées, um sich mit der Schauspielerin Julie Gayet zu treffen; am Morgen brachte ein Beamter die Croissants. Das Klatschmagazin Closer machte die Affäre in der vergangenen Woche publik. Seither liegt Valérie Trierweiler, die Lebensgefährtin des Präsidenten, wegen eines Nervenzusammenbruchs im Krankenhaus. Solcherlei kommt vor, ist für die Beteiligten nicht lustig, aber da es sich um den Präsidenten handelt, ist es eben doch eine Staatskomödie und nicht bloß ein privates Drama.

Hollande weiß das und kündigte auf seiner Pressekonferenz am Dienstag an, sich bis Anfang Februar öffentlich über die Zukunft seiner Beziehungen zu äußern. Dann muss er nämlich zu Barack und Michelle Obama auf Staatsbesuch, und die Frage aller Fragen lautet: Wird ihn eine Gefährtin begleiten und wenn ja, welche?

Das ist das große Thema. Das Liebesleben des Staatschefs. Und nicht der marode Zustand, in dem sich die Wirtschaft, noch mehr die Politik und vor allem die Stimmung des Landes befindet. Dieser Diskrepanz wegen wirkt Frankreichs politisches Leben derzeit so operettenhaft.

Am Dienstag waren Journalisten aus aller Welt ins Élysée geströmt; CNN und BBC hatten eine Live-Übertragung aus Paris eingerichtet. Zum allgemeinen Bedauern beließ es Hollande bei indignierten Äußerungen über die Klatschgeschichte, doch immerhin kamen die Kollegen in den Genuss einer Show, wie sie sonst in Europa selten ist.

Pressekonferenzen französischer Präsidenten sind das, was anderswo Reden zur Lage der Nation sind. Vor der Nationalversammlung dürfen sie nicht sprechen, stattdessen hat sich eingebürgert, dass die großen Ankündigungen im Festsaal des Élysée-Palastes gemacht werden, inmitten von gold glänzendem Stuck und vor gemalten Kulissen, die beispielsweise Fenster zum Garten andeuten. Eine Illusion, ebenso wie es die Vorstellung ist, ein Präsident könnte mit derartigen Inszenierungen heute wie weiland Charles de Gaulle die Öffentlichkeit steuern.

Das Gepränge, Getue und Gehabe rund um das Präsidentenamt hält der heutigen Medienwirklichkeit nicht mehr stand, in der nicht nur Redaktionen um Aufmerksamkeit kämpfen, sondern auch unzählige Mitbürger, die auf Twitter oder Facebook gut dastehen wollen. Ihre Kleinwaffe, massenhaft verbreitet, ist der Spott. Der ist französische Tradition, seit je in allen Gesellschaftsschichten gepflegt. Hollande selbst ist ein begnadeter Spötter, sein Spitzname lautet "Monsieur Späßchen". Damit ist allerdings auch seine fatale Neigung beschrieben, Konflikte wegzuwitzeln.

Charmant kann er sein. Aber es ist schon erstaunlich, dass er sich zutraute, so zu verfahren wie seine Amtsvorgänger Valéry Giscard d’Estaing und Jacques Chirac: nächtens durch Paris zu brausen, um eine heimliche Liebschaft zu genießen. Und mag sich Hollande auch als Wiedergänger des geheimnisvollen François Mitterrand gerieren, der eine klandestine, vom Staatsschutz beschirmte zweite Familie unterhielt – auf Hollandes Kopf passt ein Mopedhelm eben besser als der legendäre Hut des finassierenden "Florentiners". Mitterrands Abgründe wurden vom Publikum mit Schauder wahrgenommen, Hollande hingegen weist keine auf. "Tretbootfahrer auf hoher See" hat ihn einmal der recht bösartige Linksradikale Jean-Luc Mélenchon genannt. Das saß.

Ein "normaler Präsident" wollte er sein, mit diesem Versprechen hatte er im Mai 2012 die Wahl gewonnen, und das hieß: anders als sein Vorgänger Nicolas Sarkozy, der erste postmoderne Präsident Frankreichs, der Privates und Politisches, Gier und Grundsätze unbekümmert ineinanderwarf und damit das Amt "entheiligte", wie es in Frankreich heißt. Doch an diese Art Normalität, wie Hollande sie jetzt zeigt, hatten die Franzosen nicht gedacht.

Dass er seine Freundin nicht heiratete, nahmen ihm nur wenige krumm, doch dass diese, im Präsidentenpalast mit eignem Stab residierend, gegen die politischen Ambitionen Ségolène Royals stänkerte, der vorigen Partnerin Hollandes, kam schlecht an. Machos moserten: Der Mann wird ja nicht einmal mit seinen Frauen fertig. Trierweiler, wie Royal zuweilen schwer kapriziös, wurde zur Zielscheibe rüder Scherze. Selbst jetzt, wo die première dame krankgeschrieben ist, wird sie verspottet. Warum diese Malice? Sie ist Enttäuschung darüber, dass Hollande dem Amt seine Würde nicht zurückgibt.