War er eigentlich je weg? Als wäre es nie anders gewesen, sitzt Frank-Walter Steinmeier in Jerusalem in der ersten Reihe. Vor der Knesset haben sich rund 500 Gäste für die Trauerfeier von Ex-Premier Ariel Scharon eingefunden. Neben Steinmeier sein israelischer Kollege Avigdor Lieberman, etwas weiter entfernt der amerikanische Vizepräsident Biden und Ministerpräsident Netanjahu. Die Welt, das ist sein Parkett, auch wenn es in der ersten Reihe eng zugeht, zumal neben dem breit auslegenden Lieberman.

Steinmeier kehrt zurück in ein Amt, das er kennt, das ihm liegt. Die Diplomaten freuen sich über den erfahrenen Minister, bei dem man nicht ständig um die richtige Tonlage zittern muss. Seine großen Themen ähneln denen seiner ersten Amtszeit von 2005 bis 2009: die EU und ihre internen Querelen, Syrien und Israel, das Atomprogramm des Irans. Doch haben sich die Inhalte zugespitzt, bisweilen dramatisch. Die EU ist weiter in der Krise, Syrien wird vom Bürgerkrieg zerrissen. Derselbe Mann, aber eine neue Lage. Steinmeier erbt in der Europapolitik ein Korsett, das im Kanzleramt geschnürt wird. Im Nahen Osten hängt weiter alles von den Amerikanern ab. Wo also setzt Steinmeier eigene Akzente in der deutschen Außenpolitik? Erfindet er sich neu?

Die Trauerfeier für Ariel Scharon ruft bei vielen gemischte Gefühle hervor. Der Kriegsheld verantwortete Massaker, als Premier aber zog er die jüdischen Siedler aus Gaza ab, was einer Zweistaatenlösung nützen könnte. Trauert man um Scharon oder nicht? Die meisten Staaten haben gerade mal ihre Botschafter geschickt, vor der Knesset bleiben viele Stühle frei. Steinmeiers Reise war ohnehin schon geplant. Er zieht eine dialektische Lehre aus Scharons Leben: Prinzipien zu haben könne "sinnvoll" sein, doch müsse man "schauen, ob Prinzipien Antworten auf die sich real stellenden Fragen enthalten". Als Scharon den Abzug aus Gaza befahl, sei er nicht seinen Prinzipien gefolgt, sondern dem, was der "Sicherheit Israels geschuldet war".

Steinmeier warnt, sein israelischer Kollege lächelt und schweigt

Hier steinmeiert es kräftig: keine zementierten Linien, Prinzipien, Ideologien – weder in Nahost noch anderswo. Der Außenminister trifft an einem Tag Palästinenserpräsident Mahmud Abbas und Benjamin Netanjahu, um ein mögliches Nahost-Abkommen auszuloten. Er versucht, in unübersichtlichem Gelände Politik beweglich, die Dinge im Fluss zu halten. Nahost-Schwarzseher wissen gleich vorab, dass das nie klappen kann. Er findet, vielleicht doch. Das ist der Steinmeier, den man aus der Zeit bis 2009 kennt. Nur dass er es ganz anders als damals mit einem US-Außenminister und einer US-Regierung zu tun hat, die ihm und seiner Art viel näher ist. Von Bush zu Obama, von Außenministerin Condoleezza Rice zu John Kerry. Steinmeier betont, dass er sich eng mit Kerry abspricht. Der US-Außenminister will ein Nahost-Abkommen und muss für seinen Einsatz den kaum unterdrückten Hohn der israelischen Regierung ertragen. Frank-Walter Steinmeier isst nach dem Besuch in Ramallah noch am späteren Abend mit Avigdor Lieberman. Es gibt bessere Freunde als die beiden, Steinmeier warnt vor weiterem Siedlungsbau, Lieberman lächelt und schweigt. In Washington und Berlin überlassen die Regierungschefs dieses Feld gern ihren Außenministern. Es ist ein Nebenschauplatz geworden, auf dem man sich viel Mühe um nichts machen kann.

Seine erste Reise machte Frank-Walter Steinmeier in diesem Jahr ins Herzland der europäischen Probleme: nach Athen. Als er das letzte Mal vor sieben Jahren in Griechenland war, trug das Land noch die Restschminke von Olympia 2004. Jetzt steht es im fünften Jahr einer verheerenden Rezession. Wieder einmal ist der Bestand der Regierung in Gefahr, bei den Europawahlen im Mai droht ein politisches Beben. Die Koalition von Premier Antonis Samaras gönnt sich eine Reformpause, der griechische Außenminister Venizelos ruft nach Schuldenerleichterung. Steinmeier besucht erst die Politiker, dann eine deutsch-griechische Schule am Stadtrand von Athen. Dort diskutiert er mit den Schülern. Auf dem Podium im vollen Saal moderiert er selbst, scherzt, erklärt Deutschland und Europa. Er will die Athener Regierung ermutigen, sagt Steinmeier, "den beschlossenen Reformweg zu Ende zu gehen". Die ersten Früchte seien sichtbar, im Haushalt und im Tourismus. Wer sagt das, fragen die Griechen enttäuscht, ist das der SPD-Außenminister? Die deutsche Griechenlandpolitik wird von Kanzlerin und Finanzminister dominiert. Dagegen hatte der SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück 2013 in Athen mit leidenschaftlichen Schmerzensreden Hoffnungen geweckt. Wo steht Steinmeier, was ist sozialdemokratisch in seiner Politik?

"Manches ist missverständlich gesagt worden", antwortet Steinmeier, mit "zu wenig Verständnis für die Länder, die Opfer bringen". Die SPD stehe dafür, dass Europa "nicht nur ein finanzwirtschaftlicher Raum ist, sondern eine große Idee für die junge Generation". Und dann vergleicht er die griechische Reformherausforderung mit der Agenda 2010 der SPD vor zehn Jahren, seiner persönlichen Erfahrung. Der Vergleich hinkt etwas, wenn man sich allein die griechische Jugendarbeitslosigkeit von weit über 50 Prozent anschaut. Aber hier wird schon eine Kontur seiner Europapolitik sichtbar: verbindlicher im Ton als Schwarz-Gelb, nicht so barsch im Auftreten, aber in der Sache eng am Kanzleramt und Finanzministerium. Wenn es allein ums Geld geht, und das ist in Europa ja leider oft genug der Fall, kommt der Außenminister kaum zum starken Auftritt.