Deutscher Fußball zeichnete sich lange Zeit durch Aggression aus: Man gewann ein Spiel, indem man es "zerstörte". Man zog den überlegenen Gegner aufs eigene Niveau runter, wo man ihn dann kämpferisch zermürbte. Man nannte das "deutsche Tugenden". Seitdem Joachim Löw Trainer der Nationalmannschaft ist, pflegt sie neue Tugenden: Esprit, Fairness und eine Neigung, in Spitz-auf-Knopf-Momenten die Nerven zu verlieren. Die Folgen sind in der Presse ausführlich beschrieben worden: Löws Mannschaft wird von Teilen der Öffentlichkeit, sozusagen vom reaktionären Eck des nationalen Stammtischs, als unmännlich denunziert; es wird gemutmaßt, welche Spieler schwul seien; es wird festgestellt, wer nicht in die Mannschaft gehöre, weil mit ihm kein Krieg zu gewinnen sei. Thomas Hitzlsperger, einer der dynamischsten deutschen Spieler, gab mit seinem Coming-out diesem Bierbretzelgemaule eine entschiedene Antwort. Aber der reaktionäre Stammtisch stellt, wenn der Abend fortschreitet, gern noch andere Listen auf: etwa die Liste derjenigen, die nicht in die Mannschaft gehörten, weil sie "nicht richtig deutsch" seien – es handelt sich dabei um alle Spieler, die nicht den Mund öffnen, wenn die Nationalhymne erklingt.

Wenn Fußball auf höchstem Niveau gespielt wird, geht es also vor allem um Exklusion: Viel grimmiger als der Kampf auf dem Platz ist der Kampf darum, wer in einer Mannschaft Platz hat und wer nicht. Die Zuschauer fällen ihr Urteil, indem sie pfeifen oder jubeln. Aber auch die Spieler können zeigen, welche Arena sie wollen: eine der Offenheit oder eine der Exklusion.

Womit wir bei Nicolas Anelka sind. Der ehemalige französische Nationalspieler, derzeit bei West Bromwich Albion in England unter Vertrag, hat kürzlich zum Torjubel eine Geste gemacht, die in Frankreich quenelle genannt wird: Die linke Hand des Grüßenden legt sich wie beschwichtigend auf den durchgedrückten, zum Boden weisenden rechten Arm, als werde da ein Hitlergruß daran gehindert, nach oben zu schnellen. Es ist eine Geste der aufgeschobenen rechten Gewalt. Populär gemacht hat sie der antizionistische französische Komiker Dieudonné M’bala M’bala, mit dem Anelka befreundet ist. Anelka behauptet nun, er habe die Geste aus rein privaten Motiven seinem Freund Dieudonné zugesandt. Aber wie kann ein privater Gruß einen Premier-League-Strafraum verlassen, ohne die Blickachsen von Millionen Zeugen zu kreuzen? Kurzum, Anelka missbraucht die Öffentlichkeit für ein Outing eigener Art.

Thomas Hitzelsperger hat bewiesen, dass es Unfug ist, von "schwulem Spiel" zu reden. Aber seit Anelka wissen wir: Es ist kein Unfug, von antisemitischen Toren zu sprechen.