Wer wissen möchte, in was für einer Zeit wir leben, braucht nichts weiter als dieses kürzlich im Internet aufgetauchte Bild zu betrachten: eine Hand von dunkler Hautfarbe, die auf einer Buchseite liegt, an deren unterem Rand der Schriftzug "Digitalisiert von Google" prangt.

Obwohl, was ist schon dabei? Beim Digitalisieren eines Buchs für Google Books hat offensichtlich eine Mitarbeiterin ihre Hand eingescannt. Eine Petitesse, ein Patzer, könnte man sagen, der angesichts von Millionen einwandfrei digitalisierter Buchseiten kaum ins Gewicht fällt. Gerade hat Google ja vor Gericht einen strahlenden Sieg errungen: Das Unternehmen darf weiterhin Millionen Bücher digitalisieren und im Internet seitenweise frei zugänglich machen, zumindest in den USA. Google Books, befand ein New Yorker Richter zuungunsten der klagenden Authors Guild, "beschleunigt die Fortschritte in Kunst und Wissenschaft, während es gleichzeitig die Rechte von Autoren und anderen Kreativen berücksichtigt". Das Fazit: "Die ganze Gesellschaft profitiert."

Verständlich wird dieses Urteil nur, wenn man die ihm zugrunde liegende Ansicht teilt, dass wir mit der Digitalisierung in ein neues Zeitalter der immateriellen Produktion eintreten, in die quietschvergnügte Wissensgesellschaft, in der es Arbeit nur noch dem Namen nach gibt, weil sie doch längst ein Spiel und schönste Selbstverwirklichung geworden sei. Und nun tauchen da diese gespensterhaften Google-Hände auf und zeugen, ja, wovon?

Nicht zufällig ist die Hand schwarz. Der Dokumentarfilmer und Künstler Andrew Norman Wilson, der auf dem Google-Gelände das Video Workers Leaving the Googleplex gedreht hat, berichtet, dass die Mehrzahl der mit der Digitalisierung betrauten Mitarbeiter Afroamerikaner und Latinos seien. Das ist bemerkenswert, weil in der Tech-Welt des Silicon Valley diese beiden Gruppen Studien zufolge im Vergleich zu anderen Arbeitswelten dramatisch unterrepräsentiert sind – auch wenn man sich im Fall von Google auf keine Zahlen berufen kann: Das Unternehmen hat es immer wieder geschafft, die entsprechenden Daten gerichtlich als wettbewerbsrelevantes Betriebsgeheimnis vor der Veröffentlichung zu schützen. Google weiß so gut wie alles über uns. Umgekehrt wissen wir über Google so gut wie nichts.

Die schwarze Google-Hand zeigt nun, dass einige Latinos und Afroamerikaner doch bei Google unterkommen, nur eben in der alten, so gar nicht spielerischen Sphäre körperlicher Arbeit. Wilson hat enthüllt, dass diese Google-Mitarbeiter komplett vom Rest der Google-Welt separiert würden, es sei ihnen sogar untersagt, Mitarbeiter aus anderen Bereichen anzusprechen. Zehn Stunden dauere eine Arbeitsschicht, und all jene Privilegien, die eine Anstellung bei dem Unternehmen gemeinhin als großes Los erscheinen lassen, seien diesen Arbeitern verwehrt.

Man kann deshalb die Google-Hand als eine Wiederkehr des Verdrängten auffassen. Sie lehrt uns die Wahrheit über die Technik und über die von ihr induzierte Träumerei. Immer wird die Technik Körper brauchen, die sie unterwirft und der Unsichtbarkeit überantwortet, um ihren schönen Schein zu wahren. Bei Google Books ist dieser Körper einer unproduktiven, geistlosen, mechanischen Arbeit jetzt noch einmal sichtbar geworden und lässt sich räumlich zuordnen, Schauplatz Mountain View, Kalifornien. Und noch einen Fingerzeig gibt uns das Bild, hübscherweise durch den mit einer lila Plastikfolie umwickelten, herausgehobenen Zeigefinger. Er betont die letzte und äußerste Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine in der langen Geschichte einer oberflächlichen Technik: die Fingerkuppe. Als Nächstes geht die Technik ganz unter die Haut.