Am 17. Dezember letzten Jahres wurden die Bundeskanzlerin und das Kabinett der großen Koalition vereidigt. Es folgten Weihnachten, Neujahr und Dreikönig. Am 10. Januar kommentierte die Tagesschau den Zustand der Koalition: "Längst geht im politischen Berlin das Wort vom Fehlstart um." Irgendwann um Silvester also muss das Urteil fertig gewesen sein.

Seit dem Start von Rot-Grün 1998 ist es üblich geworden, den jeweiligen Koalitionen einen Fehlstart zu attestieren. Inzwischen gibt es ein Wettrennen darum, wer das Verdikt als Erster formuliert. Früher gab es 100 Tage Schonfrist, heute keine drei Wochen mehr.

Wie ihre Vorgänger, so hat auch die aktuelle Koalition keinen smarten Start hingelegt. Vom ersten Tag an wurden die Meinungsverschiedenheiten offen ausgetragen: Die CSU polemisiert gegen Armutszuwanderung aus dem Osten und erntet scharfe Reaktionen der SPD. Der Justizminister storniert den Beschluss zur Vorratsdatenspeicherung und sorgt für Empörung bei der Union. Dort denkt man laut über Ausnahmen beim Mindestlohn nach, was die SPD scharf zurückweist. Kurz darauf präsentiert die Familienministerin überraschend ein ambitioniertes Projekt namens Elternteilzeit, von dem in den Koalitionsverhandlungen nie die Rede war. Merkel schickte ihren Sprecher, die Idee einzustampfen. Auch bei der abschlagsfreien Rente mit 63 gibt es offene Differenzen. Und natürlich sorgt die Pkw-Maut für permanenten Ärger in der Koalition.

In Deutschland herrscht Debattenallergie

Die Debatten über Weihnachten haben inhaltlich nichts gebracht. Aber sie haben auch nicht sonderlich geschadet. Und vor allem: Wie viel spontane Harmonie konnte man von den Regierungsparteien denn fairerweise erwarten? Es koalieren in der großen Koalition ja nicht politische Wunschpartner, sondern traditionelle Gegner. Über Jahrzehnte ist diese Gegnerschaft gewachsen, nur in Ausnahmefällen wird sie in einem gemeinsamen Bündnis auf Zeit storniert. Daran müssen sich die Partner erst gewöhnen, anders als in jeder anderen Regierungskonstellation.

Wie schwer es Union und SPD fällt, sich das zweite Mal innerhalb weniger Jahre aufeinander einzulassen, hat sich bereits während der überlangen Koalitionsverhandlungen gezeigt. Die Erwartung jedoch, dass gerade wegen dieser ausgedehnten Verhandlungen die Differenzen nun ausgeräumt seien, ist bestenfalls naiv. Die Partner haben sich lediglich auf Projekte verständigt, die meisten davon sind kontrovers. Und die Gesetzgebungsverfahren zu Energiewende, Mindestlohn, Rentenreform oder Maut haben noch gar nicht begonnen. Wer schon das erste Geplänkel in der Koalition als Vorzeichen ihres Scheiterns brandmarkt, wird bei den kommenden Kontroversen nur noch Vollzug melden können. Immer wieder. Denn Streit ist unausweichlich.

Doch in Deutschland herrscht Debattenallergie. Jeder Dissens innerhalb einer Regierung wird von den medialen Beobachtern begierig aufgespürt, zurechtgemacht und, wenn irgend möglich, skandalisiert. Hinter der kritischen Missbilligung immer neuen Streits ist der Erregungsgenuss mit Händen zu greifen. Für das Ansehen der Koalition ist diese Art der Konfliktberichterstattung ruinös, aber auch für die Überbringer der immergleichen Botschaft. Was für die Politik der medial multiplizierte Streit ist, ist für die Medien die Wiederholungsschleife fortdauernder Empörung. Auf Dauer ist beides nicht populär.

Im Prinzip ist die große Koalition bei den Bürgern beliebt. Weil in ihr die politischen Gegner ein Bündnis bilden, schwingt darin die Erwartung mit, sie bedeute die Überwindung des politischen Streits. Das ist den Deutschen eine angenehme Perspektive. Doch machen sie sich nicht klar, dass gerade in einer Koalition der beiden konkurrierenden Volksparteien die Neigung zum Konflikt eher größer sein muss. Denn auf das Bündnis lassen sich die Partner nur ein, weil es keine andere praktikable Möglichkeit gibt, das Land zu regieren. Noch während sie ihre Zusammenarbeit aushandeln, hoffen sie, dass sie beim nächsten Mal die Macht nicht wieder mit ihrem Konkurrenten teilen müssen. Die temporäre Kooperation soll dabei helfen, spätestens nach der nächsten Wahl den Absprung zu finden.