Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen © C. Bertelsmann

Seit Michael Schumacher beim Skifahren gestürzt ist, habe ich den Rest meines Glaubens an das Gute im Menschen verloren. Damit meine ich nicht die Belagerung des Krankenhauses durch sogenannte Reporter, zu der man auch einiges sagen könnte. Man muss die Kommentare im Internet lesen, nachdem sich jemand lebensgefährlich verletzt hat, jemand, der berühmt ist und reich.

Ich zitiere ein paar der harmloseren Beispiele, nicht die harten Sachen. Rüdiger schreibt auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau: "Ich finde, dass Schumi kein Mitleid verdient. Jemand, der permanent ins volle Risiko geht, nimmt in Kauf, dass es mal schiefgeht." Michael schreibt auf Focus.de: "Totale Selbstüberschätzung ist hier die Ursache gewesen. Selber schuld. Bei Otto Normalverbraucher würde es eine solche völlig überzogene Berichterstattung nicht geben!" Kurt, auf FAZ.de: "Wie viele andere Skifahrer sind auf der Piste noch verunglückt? Gibt es dazu auch seitenlange Berichte und Statements der Ärzte?"

Tja, Kurt und Michael, dass die Zeitungen nicht über jeden Unfall so ausführlich berichten können, versteht sich von selbst – zählen Sie doch einfach mal die Seiten, die eine Zeitung hat. Medien berichten über Themen, die viele Leute interessieren, so einfach ist das. Und Sie, Kurt und Michael, sind sauer, weil Ihr Leben nicht auf ein so weltweites Interesse stößt wie das Leben eines Sportidols, habe ich recht? Das finden Sie ungerecht.

Da habe ich einen Tipp. Werden Sie auch berühmt! Werden Sie ein Idol. Es müssen nicht Autorennen sein. Vielleicht lehnen Sie Autorennen ab, das wäre völlig okay. Tun Sie einfach etwas Großes, etwas, was vor Ihnen kein anderer geschafft hat. Erfinden Sie etwas, schreiben Sie zehn Weltbestseller, gewinnen Sie den Friedensnobelpreis. Malen Sie so gut, wie vor Ihnen kein anderer Mensch gemalt hat, holen Sie sieben Oscars, gründen Sie einen Weltkonzern, heilen Sie Kranke, besiegen Sie den Hunger, es gibt tausend Möglichkeiten. Und wenn Sie dann einen Unfall haben, Kurt und Michael, werden Sie sich über mangelndes Interesse nicht zu beklagen haben, das garantiere ich.

Glück gehört natürlich auch dazu. Es gibt viele, die gut sind. Sie leisten Großes, sie schinden sich, aber es kommt nicht viel dabei heraus, es merkt einfach keiner, ohne dass man den Grund dafür immer genau bestimmen könnte. Fest steht, dass die Zahl der Plätze ganz oben begrenzt ist. Fest steht außerdem, dass es keiner schafft, der es nicht wenigstens probiert. Damit bin ich bei Ihnen, Rüdiger. Jemand, der voll ins Risiko geht, nimmt in Kauf, dass es schiefgeht – genau so ist es, Rüdiger, Sie haben völlig recht. Ohne Risikobereitschaft schafft es keiner. Aber damit meine ich nicht nur Autorennen. Zwanzig Jahre lang als unbekanntes Talent zu malen oder zu schreiben, für eine Sportart zu trainieren, einer von den Kollegen verlachten wissenschaftlichen Idee nachzugehen, das sind auch Risiken. Da braucht man Mut, vielleicht sogar eine Prise Selbstüberschätzung. Am Ende kann alles umsonst gewesen sein. Oder man wird reich und berühmt. Man weiß es vorher nicht. Es ist auch nicht immer gerecht. Vermutlich gehen Sie lieber auf Nummer sicher, Rüdiger, daran ist nichts Verwerfliches. Vermeiden Sie das Risiko zu stürzen, das ist völlig in Ordnung. Aber beklagen Sie sich nicht über diejenigen, die versuchen zu fliegen.

Denken Sie an Kolumbus. Volles Risiko, totale Selbstüberschätzung. Wenn Sie mit Ihrem Leben unzufrieden sind, Kurt, Michael, Rüdiger, lassen Sie es nicht an den anderen aus. Segeln Sie einfach los.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

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