Die Seine-Brücke mit Frachtkähnen

Wolfgang Beltracchi erzählt, wie er 2001 auf seinem südfranzösischen Anwesen ein Bild von Max Pechstein fälscht und seine Frau Helene das Bild in Nizza verkauft

Es war das Frühjahr des Jahres 2001. Die Kinder waren in der Schule, Lene [gemeint ist Helene Beltracchi] werkelte im Garten, die Maurer bauten einen Anleger am Fluss, und ich bereitete mich auf einen Pechstein vor.

In den achtziger Jahren hatte ich Max Pechsteins norddeutsche Landschaften gemalt, nun wollte ich mich seiner ersten Paris-Reise widmen. Beim Kunsthistoriker Max Osborn hatte ich vom Einfluss van Goghs auf Pechstein, von der Auseinandersetzung des jungen Malers mit dessen postimpressionistischem Werk gelesen. Und im Amsterdamer Van-Gogh-Museum war mir schon 1991 Pechsteins Gemälde Seine-Brücke mit kleinem Dampfer aufgefallen.

Mit Pechsteins Erinnerungen und Osborns Beschreibungen ließ ich mich nun auf eine Variante des Seine-Brückenbildes ein: Anders als in Pechsteins fast wöchentlich wechselnden Stiladaptionen französischer Kunst konnte man hier darstellen, wie er aus der Bindung an die Malerei van Goghs herauszuwachsen begann. Dabei verarbeitete ich die stilbildenden Einflüsse van Goghs noch im Vordergrund, in den Bewegungen des Wassers. In der Gestaltung von Brücke, Gebäude und Himmel dagegen ließ ich bereits Pechsteins Begeisterung für die freiere Arbeit der Fauvisten, speziell Derains, zur Geltung kommen.

Dem Beispiel Pechsteins folgend, der seine Tuschezeichnungen in diesen Jahren häufig als Gemälde umsetzte, benutzte ich eine Zeichnung der Seine-Brücke von 1908 als Vorlage, brachte die simple Unterzeichnung mit wenigen Strichen auf die vorbereitete Leinwand und setzte die Farben nass in nass auf. Als tragendes Bildelement entstand die Brücke, gefolgt vom Lastkahn und den kleinen Booten. Mit länger gezogenen, bewegten Pinselstrichen malte ich das Wasser fast träge, deutete die Gebäude im Hintergrund als farbige, nahezu monochrome Flächen nur an und setzte den Himmel mit kürzeren, fast flächigen Strichen darüber. Nach zwei Stunden war das Werk vollbracht. Ich ging in die Küche hinunter, setzte Wasser auf, holte meine Kaffeemühle heraus, brühte für Lene und mich einen Kaffee und setzte mich unter die Palmen vor die Küchentür.

Über Ostern 2001 reisten wir, das Pechstein-Gemälde Seine-Brücke mit Frachtkähnen im Gepäck, nach Nizza. Dort war Lene mit der Mitarbeiterin eines deutschen Auktionshauses verabredet, die das Bild übernehmen und nach Köln bringen sollte. Natürlich wollten die Kinder mit an die Côte d’Azur, und so wurde aus der Bildübergabe ein Familienausflug.

Ich blieb mit Franziska [der Tochter von Wolfgang und Helene Beltracchi] in dem kleinen Ort Saint-Paul-de-Vence, während Lene Manu [den Sohn von Wolfgang Beltracchi], der Abflughallen aufregend fand, zum Flughafen mitnahm. Dort traf sie die Dame aus Köln. Die Übergabe des Bildes ging unspektakulär vonstatten, Lene erhielt eine Quittung, das war’s.

Schon zuvor hatte das Auktionshaus einem Pechstein-Experten Fotos und Informationen geschickt und sich um eine Expertise bemüht; am 31. Mai wurde das Bild dann zur Auktion angeboten. Als Lene später fragte, wie es gelaufen sei, erfuhr sie, dass es kein Gebot gegeben, sich aber im Nachverkauf ein Käufer gemeldet habe.

Bei den Kennern der Brücke-Maler fand das Bild großen Anklang, und es wurde häufig ausgestellt. Dass es auch in so renommierten Häusern wie dem Wuppertaler Von-der-Heydt-Museum gezeigt wurde und keiner der Experten je an der Echtheit zweifelte, war neben den Einnahmen ein zweiter Lohn für gute Arbeit. Erst später, als die Ermittlungen rund um meine Arbeit sich verschärften, entdeckte eine Expertin plötzlich so viele Mängel an dem Bild, dass es eigentlich unmöglich noch dasselbe sein konnte: Fast zehn Jahre lang waren ihr und den Kollegen diese "Fehler" nicht aufgefallen. Das ist ganz allgemein ein aufschlussreicher Vorgang.