Noch bevor an diesem Samstag die erste schwarz-grüne Landesregierung eines Flächenlandes in Wiesbaden vereidigt wird, haben die Grünen alles getan, um dem Ganzen jeden Anschein eines Projekts zu nehmen. Auf keinen Fall darf das Bündnis mit der CDU nach mehr aussehen als nach einer Notlösung.

Aber in Wiesbaden weht der Wind der Veränderung. Und es ist eben nicht nur die CDU gewesen, die sich öffnen und modernisieren musste – obwohl da gerade in Sachen Zuwanderung einiges fällig war. Auch die Grünen mussten umdenken.

So ist dies zum Beispiel der erste Koalitionsvertrag, in dem Grüne sich dem Schicksal von Vertriebenen empathisch öffnen. An einer anderen Stelle äußern sie Wertschätzung für die Rolle der Religionen, auch der christlichen. Die Innere Sicherheit ist hessischen Grünen zwar nicht erst seit gestern ein Anliegen. Aber niemand wird bestreiten, dass die Grünen in diesem Feld seit ihren Gründungsjahren einen weiten Weg zurückgelegt haben.

Das Bündnis mit den Grünen befreit die CDU von verschmockten, bösartigen Ritualen. Roland Koch und Volker Bouffier hatten die Ausländerfeindlichkeit schon immer mehr inszeniert als gefühlt; jetzt kann man es getrost bleibenlassen und die wurschtige Liberalität leben, die dem leutseligen Landesvater Bouffier ohnehin mehr liegt. Jüngere CDU-Mitglieder, speziell die Frauen, freuen sich auf die größere Macht der Basis, die sich unter dem Einfluss der Grünen womöglich bis ins tiefschwarze Fulda besser gegen die Altherrenriege wird behaupten können. Und da soll man nicht von einem Projekt sprechen?

Selbstverständlich ist Hessen ein Modell für den Bund. Man könnte sogar, was die Grünen betrifft, vom einzigen Ausweg sprechen. Die Bundespartei in Berlin, die derzeit verzweifelt nach einer Rolle sucht, ist deshalb geradezu dankbar für das Wiesbadener Experiment. Jeder spürt, dass ein weiteres rot-grünes Bündnis nicht halb so viele konzeptionelle Energien geweckt hätte wie die Koalition mit der CDU. Gerade mit Blick auf die große Koalition und ihre Ambitionslosigkeit erhofft man sich aus Hessen für den Umgang mit einer alternden Gesellschaft neue Ideen, die nicht nur um Geschenke aus der Rentenkasse kreisen, und Integrations- und Bildungsmaßnahmen, die nicht nur als Sozialpolitik betrieben werden. Doch: Das darf man ruhig ein Projekt nennen.