DIE ZEIT: Frau Hamm-Brücher, Sie hatten eine Großmutter in Dresden. Am 27. Januar 1942 beging sie Selbstmord, nachdem sie, eine Jüdin, den Deportationsbefehl erhalten hatte. Wie haben Sie davon erfahren?

Hildegard Hamm-Brücher: Ich studierte zu dieser Zeit in München Chemie und wurde telefonisch informiert. Man sagte mir, meine Großmutter liege in der Bewusstlosigkeit, und man habe festgestellt, dass sie Schlafmittel genommen habe. Ich konnte erst zwölf Stunden später nach Dresden fahren. Als ich ankam, war es zu spät.

ZEIT: War sie schon gestorben?

Hamm-Brücher: Nein, sie war nach wie vor bewusstlos, aber sie wachte nicht mehr auf. Man ließ sie sterben. Unten im Haus trampelten die ganze Zeit SS-Leute herum. Ein SS-Mann brüllte: "Ist die Judensau noch nicht verreckt?" Es war schrecklich, das zu hören. Ich weinte und konnte es gar nicht fassen.

ZEIT: Hatten Sie vorher mit ihr über eine drohende Deportation gesprochen? Was wussten Sie darüber?

Hamm-Brücher: Von den Deportationen hat man überhaupt nichts gewusst, deshalb konnten wir nicht darüber sprechen. Die Tatsache, dass alle jüdischen Bürger früher oder später nach Auschwitz gebracht, dort umgebracht würden – das wurde ja streng geheim gehalten. Meine Großmutter hatte einen Deportationsbefehl zunächst für Theresienstadt erhalten. Darin stand, sie habe sich mit Proviant und warmer Wäsche dort und dort einzufinden. Ihr war klar, dass sie das nicht würde überleben können. Sie ging an Stöcken und war fast gelähmt.

ZEIT: Das Haus Ihrer Großmutter in der Altenzeller Straße war zu einem sogenannten Judenhaus umfunktioniert worden, in das jüdische Bürger zwangseingewiesen wurden.

Hamm-Brücher: Ja, sie selbst durfte in ihrem eigenen Haus nur noch ein winziges Zimmer bewohnen. Sie war eine liebevolle, soziale, verantwortliche Frau. Es waren gottlob immer Menschen im Haus, die ihr halfen. So war sie in relativ guter Obhut bis zu ihrem Ende.

ZEIT: Wann haben Sie sie letztmals getroffen und gesprochen?

Hamm-Brücher: Das war in den Sommersemesterferien 1941, ungefähr ein halbes Jahr vor ihrem Tod. Ich bin mit ihr an das Grab ihres Mannes, meines Großvaters, gefahren. Da musste sie schon den Judenstern tragen und in der Straßenbahn stehen. Ich habe versucht, sie zu schützen, denn sie war ja schon so alt und so schwach.

ZEIT: Sie schrieben einmal, nach dem Tod Ihrer Großmutter hätten Sie sich endgültig und für immer verwaist gefühlt. Nachdem Ihre Eltern 1931 und 1932 gestorben waren, haben Sie ein paar Jahre bei ihr in Dresden gelebt. Wie hat sie es geschafft, für Sie beides zu sein, Großmutter und Eltern-Ersatz?

Hamm-Brücher: Ja, wir sind zu Beginn des Jahres 1933 aus Berlin nach Dresden zur Großmutter umgezogen, dort haben wir vier Geschwister dann gewohnt. Das war, wenn ich das heute bedenke, einfach wundervoll. 1933 konnte man ja noch relativ in Frieden leben. Meine Großmutter hat ihre gesamten Möbel aus dem Haus geräumt, außer denen in ihren eigenen Zimmern. Alles andere richtete sie so ein, wie wir es in unserer Kindheit in Berlin gewohnt waren. Wir hatten unsere Kinderzimmer und das sogenannte Spielzimmer. Ich hatte mein geliebtes Bücherregal und das Klavier. Das war ein Zeichen ihrer liebevollen Bemühungen, uns über die Trauer und den Kummer hinwegzuhelfen. Das Haus und der Garten waren sehr schön, und viele Verwandte waren da. Man versuchte, uns ein Leben ohne Eltern erträglich zu machen.