Thomas Hitzlsperger ist durch sein Coming-out zu einer historischen Figur geworden. Spieler, Funktionäre, Politiker sprechen von Mut, Dankbarkeit, Bewunderung. Es entsteht der Eindruck, als erlebe der Fußball eine Zeitenwende. Doch kann der Schritt eines Einzelnen die über Jahrzehnte gewachsenen Strukturen verändern?

Der Deutsche Fußball-Bund wird von 21 Landesverbänden getragen. Diese Vertretungen organisieren die Fortbildung von Trainern, Schiedsrichtern, Betreuern. Auf einer Tagung von Funktionären, die nicht lange zurückliegt, stellte der Präsident eines Landesverbandes die Frage: "Ist Homosexualität eine Krankheit?" Ein anderer ergänzte: "Kann man das erben?"

In diesen aufregenden Tagen nun sagte DFB-Vize Rainer Koch, er sehe keine Notwendigkeit für neue Strukturen im Verband, es seien genügend Ansprechpartner für schwule Kicker vorhanden. Tatsächlich? Von den 21 Landesverbänden pflegt nur der Berliner Fußball-Verband eine intensive Kooperation mit einem Lesben- und Schwulenverband. Die große Mehrheit der meist älteren Entscheidungsträger hatte sich mit dem Thema noch nicht beschäftigt. Das Niveau der Antidiskriminierungsarbeit im Allgemeinen ist höchst unterschiedlich, für viele existiert sie nur auf dem Papier.

Im Profifußball hat Markus Hörwick, Mediendirektor des FC Bayern, die Meinung vieler Branchenkollegen zum Coming-out in Worte gefasst: "Die Gesellschaft nimmt für sich in Anspruch, dass so etwas Normalität ist, und so sollten wir auch damit umgehen." Ist Homosexualität also nicht erwähnenswert, wie es das Fachmagazin kicker in seiner aussparenden Berichterstattung demonstrieren wollte? Und haben die Leitfiguren des Fußballs diesen Anspruch in den vergangenen Jahren vorgelebt?

Im März 2011 fielen im ARD- Tatort die Sätze einer fiktiven Figur: "Wissen Sie, die halbe Nationalmannschaft ist angeblich schwul, einschließlich Trainerstab. Das ist doch schon eine Art Volkssport, das zu verbreiten." Bild erfragte danach die Krimi-Bewertung von Oliver Bierhoff, dem Manager des deutschen Nationalteams: "Ich finde es schade und ärgerlich, dass die Prominenz der Nationalelf missbraucht wird, um irgendein Thema zu entwickeln oder einen Scherz zu machen. Das sehe ich immer auch als einen Angriff auf meine Familie – die Familie der Nationalelf." Homosexualität: für Bierhoff ein Angriff auf traditionelle Familienwerte?

Die WM 2022 soll in Katar stattfinden, wo gleichgeschlechtlicher Sex mit Peitschenhieben oder Haft bestraft wird. Sepp Blatter, Präsident des Weltfußballverbandes Fifa, empfahl Homosexuellen im Dezember 2010, in Katar "sexuelle Aktivität zu unterlassen". Und der Dortmunder Torwart Roman Weidenfeller ärgerte sich ein paar Monate später, dass er wieder mal nicht für das Nationalteam nominiert wurde: "Vielleicht sollte ich mir die Haare schneiden oder etwas zierlicher werden." Bundestrainer Joachim Löw hatte den jungen Torhüter Ron-Robert Zieler aus Hannover eingeladen, der kürzere Haare hat und schmächtiger ist als Weidenfeller.

Einige Wochen später wollte der ehemalige Nationalspieler Arne Friedrich in einem Fernsehinterview mit dem RBB Gerüchte ausräumen: "Es ist schon sehr komisch, wenn man im Internet Namen als Suchwörter eingibt, und da steht dann direkt ›schwul‹ dahinter. Ich bin seit zehn Jahren mit meiner Freundin zusammen und sehr glücklich und denke, für mich gibt es da überhaupt keine Diskussion." Friedrichs Lebensgefährtin schrieb im Boulevardblatt B.Z.: "Eine Entschuldigung an alle, die nun aus allen Wolken fallen: Nein, Arne ist nicht schwul, und ich bin mir sicher, dass er der Letzte wäre, der nicht dazu stehen würde!"

Bierhoff, Blatter, Weidenfeller und Friedrich würden sich nie als schwulenfeindlich bezeichnen, und trotzdem haben sie eine Wahrnehmung gestärkt, die tief in der Gesellschaft verankert ist, eine Wahrnehmung der Ungleichwertigkeit von Homosexuellen gegenüber Heterosexuellen. In einer repräsentativen Langzeitstudie der Universität Bielefeld zur gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit aus dem Jahr 2011 haben 25 Prozent der Befragten folgender Aussage zugestimmt: "Es ist ekelhaft, wenn sich Homosexuelle in der Öffentlichkeit küssen." Hätten Bierhoff oder Weidenfeller mit ihrer Abgrenzung auf Menschen mit jüdischer Herkunft oder dunkler Hautfarbe angespielt: Der Aufschrei wäre wesentlich lauter gewesen. So nahm kaum jemand davon Notiz.