Gabriel Stängle will nichts mehr sagen. Ruft man ihn dieser Tage zu Hause an, nimmt niemand den Hörer ab, und klingelt man nachmittags an seiner Haustür, in einem kleinen Ort im Schwarzwald, dann öffnet seine Frau. Sie bittet sehr freundlich um Verständnis, dass ihr Mann nicht mehr mit Journalisten sprechen möchte. Zu viel Schund sei über ihn geschrieben worden, die Worte würden ihm im Munde umgedreht, als Schwulenhasser gelte er, als Hetzer, dabei hetze die Presse jetzt ihn. Neulich habe sich frühmorgens ein Fernsehteam im Carport der Familie verschanzt und Stängle aufgelauert, als er seine Töchter zur Schule fahren wollte. Nun ist es Stängle, der sich verschanzt. Kein Kommentar mehr zu seiner Petition, die das Land in solchen Aufruhr versetzt hat.

Im November startete Stängle, ein Realschullehrer aus Baden-Württemberg, seine Initiative gegen den neuen Bildungsplan des SPD-geführten Landeskultusministeriums, der 2015 in Kraft treten soll. Bislang gibt es nur einen Entwurf, ein Papier von 34 Seiten zu so ziemlich allen Aspekten der Bildung und Persönlichkeitsbildung. Die umstrittenen Formulierungen zu Fragen der sexuellen Orientierung finden sich nur in wenigen Passagen und Spiegelstrichen. Es geht um die "Akzeptanz sexueller Vielfalt". Die Schüler sollten möglichst früh und beiläufig vermittelt bekommen, dass es neben der Heterosexualität auch andere, gleichberechtigte Formen der Sexualität gibt, dass Schwule, Lesben, Bisexuelle, Transgender, Transsexuelle und Intersexuelle nichts Absonderliches sind. Berührungsängste sollten abgebaut, Coming-outs erleichtert werden. Und das Ideal einer freien, vorurteilsfreien Gesellschaft soll sich aus Sicht des Kultusministeriums in der ganzen Breite des Lehrplans wiederfinden, nicht nur im Sexualkundeunterricht. Stängle und seinen Mitstreitern ging das alles viel zu weit.

Der Bildungsplan "zielt für uns auf eine pädagogische, moralische und ideologische Umerziehung an den allgemeinbildenden Schulen", heißt es in Stängles Petition (Überschrift: "Kein Lehrplan 2015 unter der Ideologie des Regenbogens"). Nun kann von Umerziehung nur insofern die Rede sein, als die ins Auge gefassten Unterrichtsinhalte einen notorischen Schwulenhasser in der Tat zum Umdenken anregen könnten. Dennoch fordert Stängles Petition "ein ›Nein‹ zur Überbetonung einzelner Gruppen und ihrer Interessen" sowie "die Orientierung an den Werten unseres Grundgesetzes, das den Schutz von Ehe und Familie als demokratische Errungenschaft verteidigt". Stängle sieht eine "Infragestellung der heterosexuellen Geschlechter von Mann und Frau" und stellt fest: "Aus der gleichen Würde jedes Menschen folgt noch nicht, dass jedes Verhalten als gleich gut und sinnvoll anzusehen ist."

Die Sätze rumsten mitten in ein Land, das sich praktisch am Ziel der gesellschaftlichen Liberalisierung wähnte. Schwul sein? Lesbisch sein? Bi sein? Ist doch alles kein Problem mehr in Deutschland anno 2014! Zuletzt bejubelte die Öffentlichkeit, einig von taz bis Bild, das Coming-out von Thomas Hitzlsperger (ZEIT Nr. 3/14). Aber die fast schon hysterische Freude über einen schwulen Fußballer scheint doch nur eine Seite der Medaille zu sein. Die andere vertreten Gabriel Stängle und eine beachtliche Zahl von Mitstreitern: Bis zum Redaktionsschluss am vergangenen Dienstag hatte die Petition schon mehr als 130.000 Unterstützer – von denen über die Hälfte nicht aus Baden-Württemberg kommt.

Was zeigt sich da? Ein Rückzugsgefecht des alten, konservativen Baden-Württembergs? Oder die Spitze eines immer noch tief sitzenden Ressentiments gegen alles, was von der Mehrheitsneigung abweicht? Oder führt der umstrittene Bildungsplan vielleicht wirklich zu weit?

Die Fronten sind nicht so klar, wie es zunächst aussieht. Zwar wendeten sich auch die katholische und die evangelische Kirche unter dem Druck ihrer konservativen Basis gegen den Bildungsplan: Es sei eine "Indoktrination" der Schüler durch "bestimmte Lobbygruppen" zu befürchten; Stängles Petition unterstützen sie offiziell jedoch nicht. Der baden-württembergische CDU-Fraktionschef Peter Hauk zeigte dagegen Verständnis für die Petenten. Sein FDP-Kollege Ulrich Rülke wiederum sieht das Thema differenzierter. "Die Petition kann als homophob verstanden werden", sagt er. "Für mich ist eine Regenbogenfamilie auch eine Familie." Aber Rülke sagt auch: "Der grün-rote Bildungsplan macht ein Problem auf, wo keins war. Schon im Rahmen der bisherigen Bildungspläne war es möglich, in den Schulen offen über alle sexuellen Orientierungen zu sprechen."

Um zu erfahren, wie es denn nun steht um die gesellschaftliche Liberalität in Baden-Württemberg, hilft ein Treffen mit Christoph Michl. Er ist Vorstand der Interessengemeinschaft Christopher Street Day (CSD) Stuttgart und einer der Sprecher des Netzwerks Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transsexuelle, Transgender, Intersexuelle und Queere Menschen (LSBTTIQ), das an den Vorarbeiten zum Bildungsplan mitgewirkt hat. Michl sieht sehr wohl Nachholbedarf.