Als kleines Mädchen hatte Gina Dethomas das Kloster St. Johann täglich vor Augen. Riesig erschien dem Kind die Anlage aus dem Fenster des Elternhauses: der kantige Turm aus gelblichem Tuffstein, schräg dahinter die Zinnen des Wehrturms, ringsumher Gebäude und eine sehr lange Klostermauer entlang der Straße. Als sie viele Jahre später nach einem geeigneten Ort suchte, um selbst Nonne zu werden, fiel ihr Müstair erst mal nicht ein. Vielleicht lag es einfach zu nahe.

"Schauen Sie, wie nah!", sagt Priorin Schwester Domenica, 69, die frühere Gina Dethomas. "Keine hundert Schritte." Sie zeigt aus einem Fenster der Klosteranlage auf ihr Elternhaus, das leicht versetzt auf der anderen Straßenseite liegt. Das Kloster ist riesig, nicht nur für ein Kind. Kommt man in der Dämmerung an und sieht die versetzten Dächer hinter der langen Mauer, erscheint es einem wie eine mittelalterliche Festung. So ging es mir jedenfalls gestern. Hinter dem niedrigen Tordurchgang breitete sich Dunkelheit aus. Der Eingang, bitte? Kein Mensch zu sehen. Ich stand in einem großen Innenhof, dicke Mauern, kleine Fenster, rüttelte an jenen Türen, vor denen der Schnee geräumt war. Nur im Stall brannte Licht, "Allegra", begrüßte mich der Bauer, bevor er merkte, dass ich kein Rätoromanisch verstand, "da drüben können Sie läuten". Nur keine Panik. Seit 1240 Jahren finden Reisende den Zugang ins Kloster St. Johann.

Gotteshaus und Festung, Refugium für Herrscher und Quartier für reisende Händler – all das war das "Clostra Son Jon", das sein berühmter Gründer Karl der Große in ungewöhnlicher Größe und in erstaunlichem Tempo um 775 erbauen ließ. Kurz zuvor war er, auf dem Rückweg von Pavia, über die Alpen gekommen: der frisch gekrönte König der Langobarden, ein jubelnder Sieger, mit erst 27 Jahren auf dem triumphalen Eroberungszug durch Europa. Aber dann, im Winter, wiesen ihn Naturgewalten in die Schranken: Ein Schneesturm auf dem nahen Umbrailpass brachte Karl und sein Gefolge in Gefahr. Da gelobte er, im Falle seiner Rettung im Tal ein Kloster zu gründen. So weiß es die Legende.

Aber war es reiner Zufall, dass dieses Kloster genau dort entstand, wo sich zentrale Handelswege der Karolinger kreuzten? Dass die große Anlage strategisch äußerst geschickt zwischen den im Süden gerade besiegten Langobarden und den im Norden noch zu besiegenden Bajuwaren platziert worden war? Was heute da liegt als malerisch-zeitenthobener Ort im östlichsten Zipfel der Schweiz, war von Karl dem Großen als Stützpunkt im Zentrum seines wachsenden Reichs gedacht.

Und heute? Wie viel Mittelalter steckt noch in den alten Mauern? Weht 1.200 Jahre nach seinem Tod noch irgendein guter (oder kriegerischer?) Karlsgeist durch die Hallen? Nirgends sonst in der Schweiz werde das Gedenken Karls des Großen so wachgehalten wie in Müstair, das hatte mir Giovanni Netzer am Telefon gesagt, Graubündens bekanntester Theatermacher, dessen gesamter Spielplan gerade um die Figur des mächtigen Kaisers kreist.

Meine erste Begegnung mit Karl, am nächsten Morgen, ist unspektakulär. Ich laufe über den dick vereisten Boden des Wirtschaftshofs; vom Stall neben meinem Zimmer kommen Tiergeruch und Wärme. Über den Klostermauern sehe ich die Gipfel der das Münstertal umstehenden Dreitausender aufragen, umgeben von einem bis jetzt nur schmalen Kragen aus Licht. Aus der Klosterkapelle dringen Stimmen; gleich ist für die zwölf Benediktinerinnen, die in Müstair leben, die zweite Gebetszeit des Tages vorbei.

Schwester Domenica begrüßt mich – flinke Augen hinter einer Goldrandbrille, spitzbübisches Lächeln. Sie wird mich durchs Kloster führen. Im ersten Innenhof zeigt sie mir ein Wandgemälde: der Klostergründer in Rittertracht, mit engen Beinkleidern und Umhang, Krone auf dem Haupt und einer Kirche in der Hand. Früher, erzählt Schwester Domenica mit ihrer lebhaften, fast singenden Stimme, in der das rätoromanische R rollt – früher war der 28. Januar, Karls Todestag, ein Feiertag in ganz Müstair. "Die Kinder hatten schulfrei, der Gemeinderat kam ins Kloster zum Essen."

Karl, Schutzpatron des Ortes? Natürlich, die Gemeinde wuchs ja aus dem Kloster. Für diesen Fußabdruck, den der Frankenkönig im Tal hinterlassen hat, ist man ihm herzlich dankbar.