Sein Leben war von Anfang bis Ende von Armut geprägt. Bill Traylor wurde 1854 als Sklave auf einer Plantage in den Südstaaten geboren, wurde nach der Abschaffung der Sklaverei Farmpächter und zog mit seiner Frau zwanzig Kinder groß. Als alter Mann lebte er in Alabamas Hauptstadt Montgomery: Nachts schlief er auf einer Palette im Hinterzimmer eines Bestattungsunternehmens, tagsüber saß er draußen auf einer Holzkiste und beobachtete das bunte Treiben auf der Straße. Und dann fing er eines solchen Tages, im Alter von 85 Jahren, mit dem Zeichnen an, zuerst mit Bleistift auf gefundenen Papierschnipseln. Wenn ihn 1939 nicht der junge (weiße) Künstler Charles Shannon entdeckt hätte, wer weiß, ob dann heute überhaupt noch Werke von ihm existieren würden. Shannon hat Traylor von da an bis zu dessen Tod 1949 gefördert, ihm Blätter abgekauft und ihn mit Papier und Farben versorgt. Die Figuren, die er malte, sind einzigartig in ihrer Mischung aus Komik und Melancholie: Erinnerungen an die Arbeit auf der Farm, Frauen, Männer und Tiere mit prägnanten Silhouetten. Heute wird die Kunst des Bill Traylor auf dem Markt für amerikanische Folk-Art hoch gehandelt. Sein Mann mit Pflug soll am 25. Januar bei Sotheby’s in New York 125.000 bis 175.000 Dollar kosten. 1997 hat der Juwelenhändler Ralph Esmerian sogar den Rekordpreis von 180.000 Dollar dafür bezahlt. Eigentlich hatte er das Bild dann zusammen mit Hunderten anderen Werken dem American Folk Art Museum versprochen. Doch Esmerian verwickelte sich in riskante Geschäfte, nahm unter anderem bei Sotheby’s und Christie’s Millionenkredite auf und sitzt derzeit eine Haftstrafe von sechs Jahren wegen Betrugs ab. Schwarz und weiß, arm und reich, berühmt und berüchtigt – die Schicksale des Künstlers und seines Sammlers könnten unterschiedlicher kaum sein.