Was hat die Kunst gerade in dieser Stadt zu suchen, in die man noch nicht mal eine Packung Kaugummi unbesorgt importiert? Wo es noch immer die Prügelstrafe auf eher harmlose Vergehen gibt? Eine Stadt, in der Homosexualität verboten ist, Zensur herrscht und die Lebenshaltungskosten zu den höchsten der Welt zählen? "Ich mag Regeln und Restriktionen", sagt Song-Ming Ang, 33. Er kommt aus Singapur, hat dort Englische Literatur studiert, danach ein Master-Programm am Goldsmiths College in London absolviert und ist nach einem Stipendium am Künstlerhaus Bethanien in Berlin hängen geblieben. Jetzt aber ist der Künstler für einige Wochen in seine tropische Heimat zurückgekehrt, wo diese Woche die Singapore Art Week mit einer Kunstmesse und etlichen Ausstellungen gefeiert wird. Ang zeigt seine Arbeiten auf der Kunstmesse Art Stage Singapore und in einer Einzelausstellung der Galerie Fost.

Man merkt schnell, dass Song-Ming Ang Regeln vor allem deshalb mag, weil er sie gerne austestet, sie strapaziert, sie zu Tode reitet. Für eine Videoarbeit spielt er zunächst sehr konzentriert ein Prélude aus Bachs Wohltemperierten Klavier, um es dann gleich noch einmal zu spielen – diesmal allerdings rückwärts. Das schmerzt.

Auch wenn und gerade weil in Singapur bisher nicht die besten Voraussetzungen für eine lebhafte Kunstszene herrschen, wird die Kunst hier sehr dringend gebraucht. Nicht nur die Menschen, die nach Glück, Schönheit oder dem ganz Anderen suchen, brauchen sie, sondern auch der Staat, das bekommen Ang und seine Künstlerfreunde wie etwa Michael Lee oder Chye Teck Chua deutlich zu spüren. Noch vor zehn Jahren agierte die Künstlerszene von Singapur am Rande der allgemeinen Wahrnehmung, doch jetzt unterstützt der Staat die jungen Künstler. Neue Kunstzentren entstehen, Stipendien werden ausgelobt und Ateliers zur Verfügung gestellt.

Singapur ist noch jung, ein Stadtstaat, der sich in den vergangenen Jahrzehnten bekanntlich wie ein Tiger in der Weltwirtschaft nach oben gekämpft hat. Das Überleben, die Balance zwischen wirtschaftlichem Wachstum, Ordnung und Sauberkeit waren die großen Erzählungen dieses Aufstiegs, erklärt Ang. Doch jetzt hat die Regierung gemerkt, dass die Welt in Singapur zwar prima Geschäfte machen kann und will, dass Millionen von Gütern umgeschlagen werden und die Häfen beständig expandieren – jedoch viele Menschen, die hier arbeiten, gerade die Reichen, wollen oft nicht lange bleiben. Es fehlt ihnen an Kultur, es fehlt an sozialem Kitt. "Die Hardware ist da", so formuliert es der aus der Schweiz stammende Kunstmessendirektor Lorenzo Rudolf, "doch jetzt braucht die Stadt die Software."

Der Staat gibt Millionensummen für neue Museen und Galerien aus

Und so pumpt die paternalistisch agierende Regierung seit einigen Jahren Millionen Singapur-Dollar in den Neubau von Museen, die Nationalgalerie für Kunst soll 2015 fertig sein. Sie fördert den Aufbau des Galerienviertels Gillman Baracks am Rande der Stadt und unterstützt die Projekte der Art Stage.

Noch bis zum 19. Januar ist diese Kunstmesse im spektakulären Luxushotel und Casino Marina Bay Sands zu besichtigen. Sie soll nicht nur Sammler aus aller Welt anlocken und eine Arena der guten Geschäfte sein, sie muss sich zugleich den südostasiatischen Kunstmarkt schaffen, von dem sie in Zukunft leben soll. Und so ist diese Kunstmesse in Teilen weniger merkantil ausgerichtet als so manche Konkurrenzveranstaltung, sie gleicht schon fast einem Bildungsort, an dem man sich einen ersten, wenn auch noch recht unvollständigen Überblick über die Tendenzen der verschiedenen asiatischen Kunstszenen verschaffen kann. Auf sogenannten Plattformen präsentiert ein halbes Dutzend Kuratoren etliche Künstler aus Indien, Japan oder eben Südostasien. Der Singapurer Michael Lee etwa ist hier mit einer minimalistischen Baumhaus-Konstruktion aus bunten Vierkantrohren vertreten, die umgerechnet knapp 11.000 Euro kosten soll.

Auch deutsche Galeristen stellen auf der Messe aus, Michael Janssen etwa und Matthias Arndt, die beide neben ihren Galerien in Berlin auch Filialen in dem Galerieviertel Gillman Barracks betreiben. Matthias Arndt hat sich mit seinem Programm inzwischen auf Künstler aus Südostasien spezialisiert und versucht diese nun einem internationalen Publikum bekannt zu machen – auf seinem Stand der Art Stage zeigt er zum Beispiel die sehr bunte Skulptur Lucky Country des 1983 in Indonesien geborenen Hahan (Preis: 25.000 US-Dollar).

Die Hoffnung, dass sich der südostasiatische Kunstmarkt vor allem in Singapur und nicht in einer der traditionellen Künstlerzentren der Region – wie etwa dem javanischen Yogyakarta – entwickeln wird, beruht vor allem darauf, dass Kunstmessen immer dort besonders gut funktionieren, wo sich auch das Geld der Reichen wohlfühlt. So konnte die Art Basel in den vergangenen Jahrzehnten auch deshalb zur weltweit wichtigsten Messe für zeitgenössische Kunst aufsteigen, weil sich in der Schweiz mühelos auch große Geldsummen unklarer Herkunft für eine der schönsten Waren der Welt umtauschen lassen. Die Superreichen brauchen dabei keine Bodyguards, sie können mit der Trambahn vom Hotel zur Messe fahren. In den vergangenen Jahren wurde den Schweizer Banken und ihren ausländischen Kunden ein wenig zugesetzt, durch die in Deutschland aufgetauchte Steuer-CDs etwa oder durch die Ermittlungen der US-amerikanischen Finanzbehörden. Ein Land, in das die Reichen ihr Geld auf der Flucht vor der drohenden Besteuerung seither besonders gern emigrieren lassen, ist laut Steuerexperten der Staat Singapur, der zwar gegen Schwarzgelder vorgeht, aber für reguläre Gelder vergleichsweise lächerliche Steuern verlangt.