Die Frage: Günter hat einen Traum: er will genug Geld verdienen, um sich ein Schiff zu kaufen. Sein Studium hat ihn gelangweilt, die Arbeit macht ihm nicht viel Spaß; er büffelt für den Segelschein und träumt von Sonnenuntergängen im Indischen Ozean. Während seiner Ausbildung lernt er Dorothee kennen. Sie segelt seit ihrer Kindheit alles von der Jolle bis zur Jacht. Sie hat Verständnis für Günters Traum, findet ihn aber ein wenig pubertär. Dann ist Dorothee schwanger. Sie heiraten. Nach der Geburt fühlt sich Dorothee alleingelassen: Günter trifft sich nach wie vor mit seinen Kumpeln im Jachtverein und will nachts nicht aufstehen, um sie auch einmal abzulösen. Als sie ihren Ärger äußert, reagiert er pikiert: "Ich habe dir meinen Traum geopfert, wo bleibt deine Dankbarkeit?"

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Dorothee ist nicht undankbar, sondern realistisch. Günters Recht auf Dankbarkeit ist höchst zweifelhaft. Mit solchen Argumenten kann jeder Partner quasi Falschgeld ausgeben und erwarten, dass es gegen echte Münze getauscht wird. Dorothee könnte ihrerseits behaupten, dass sie ihre Karriere geopfert habe. Liebende kommen mit ihren Aufgaben am besten klar, wenn sie emotionale Schulden meiden und keiner glaubt, er habe sich durch größere Opfer als sein Gegenüber Privilegien gesichert. Ein Partner ist keine Bank, die Guthaben verzinst und wunschgerecht zurückzahlt. Günter muss seinen Traum seinem Leben als Erwachsener anpassen und Verantwortung für seine neue Situation übernehmen. Es gibt auch Familien, die ein Schiff bemannen und in See stechen.