Zum Anekdotenschatz von Leuten, die das Aufblühen der Wohngemeinschaften, genannt Kommunen, erlebt haben, gehört in vielen Variationen diese eine Geschichte: Während zwei Kommunemitglieder miteinander die freie Liebe ausübten, versoff ein drittes Mitglied ("der ausgeschlossene Dritte") aus Eifersucht die Gemeinschaftskasse. Durch einen Liebesakt ging so eine Kommune pleite. Aus Oswald Wieners die verbesserung von mitteleuropa, roman habe ich gelernt, dass die freie Liebe zwar heilig ist, aber dass man diese Heiligkeit besudelt, wenn man aus ihr eine Verpflichtung macht.

Diesem Motiv begegnete ich in Modern Love. Geschichten über die Liebe wieder, und zwar in der Kurzgeschichte Das Mädchen mit den Ponyfransen von Zadie Smith. Darin kommt gleich am Anfang ein Geständnis vor: "Ich war zwanzig Jahre alt und hatte die üblichen bescheuerten Vorstellungen im Kopf. Zum Beispiel, dass man mit jemandem zusammen sein, diesen Jemand sogar heiraten konnte, ohne ein Problem darin zu sehen, wenn sich der oder die Betreffende durch die Betten schlief. In meinen Augen war das noch lange kein Grund für ein großes Drama, einen freundlichen Klaps vielleicht, aber keine Tränen."

In dieser Geschichte kommt heraus, dass die freie Liebe nur die Erweiterung einer Strategie sein kann, zu der die Liebe ja überhaupt einlädt, nämlich des Abhängigmachens und Fallenlassens, des Steuerns eines Menschen in die Richtung, die einem passt. Das Mädchen mit dem Pony war manipulativ, und zwar in alle Richtungen hin. Die Vorstellung der Ich-Erzählerin, "dass ein Mädchen mit einem seidigen schwarzen Pony, dessen Fransen ständig in die papiergrünen Augen fielen, dass so ein Mädchen eigentlich nur Gutes bedeuten konnte", ist nichts als naiv.

Ich füge hinzu, dass ohne eine solche Naivität aus einer Liebe schwer etwas werden kann, und zweitens, dass man in erster Linie die äußerliche Schönheit liebt, bevor man die innere zu schätzen weiß. Bis es so weit ist, gilt auf dem langen Weg der Enttäuschung, was Smith uns mitteilt: "Ihr versteht, was ich meine. Ein einziger Blick auf diesen Pony, und all das negative Zeug war wie weggeblasen."

Die Kurzgeschichte von Zadie Smith ist eine virtuos hingeworfene Skizze. Als Gegenstück dazu lese ich eine ebenso virtuos den Liebesmythos analysierende Geschichte von Sabine Scholl: Gelbe Balken. Zur Liebeskunst gehört es, dass man wenigstens einige Erwartungen, die mit dem Geschlechtsakt verknüpft sind, auch noch nach dessen Stattfinden aufrechterhalten kann. Sabine Scholl erzählt nicht, wie man in der Liebe manipuliert wird, sondern wie man sich selbst manipuliert, um endlich wieder lieben zu können: "Sie hat sich geirrt, sich in seinen Worten verfangen und in ihren Wünschen."

Natürlich gibt es die Idee, dass Liebe in paarweiser Existenzform überhaupt ein Irrtum ist. Das Buch (mit Texten unter anderem von Carolin Emcke, Anna Katharina Hahn, Maxim Biller, Hanif Kureishi, Clemens J. Setz) enthält auch Christiane Rösingers Spott gegen das "Pärchentum". Man möge sich nichts einbilden, jeder stirbt für sich allein, und da hilft auch kein Zweiter! Aber das ist das Merkwürdige der menschlichen Existenz: Verschmelzung lässt sie nur im Wahn zu, aber unendliche Einsamkeit gibt es wirklich. Wie man in dieser Diskrepanz zurande kommt, ist die Lebensaufgabe.