DIE ZEIT: Herr Lévy, Frankreich befindet sich in einer anhaltenden Wirtschaftskrise, aber Ihnen geht es prima: hier, vor dem Triumphbogen in der vielleicht schönsten Stadt der Welt. Liegt darin nicht eine der Ursachen der Krise: dass es den Pariser Wirtschaftsführern, den Pariser Eliten einfach zu gut geht, um sich der Not im Land gewahr zu werden?

Maurice Lévy: Sie haben vergessen, dass wir uns hier auch an der schönsten Straße der Welt befinden: den Champs-Elysées. Aber man kann auch an einem wunderschönen Ort voller Lebensfreude Leistungen erbringen und sich der Wirklichkeit bewusst sein. Tatsächlich sind sich die Führer der französischen Unternehmen der Krise vollkommen bewusst, empfinden den großen Ernst der Lage und ebenso sehr die Notwendigkeit, Reformen einzuleiten. Und das nicht nur im eigenen Unternehmen. Wir bei Publicis verdoppeln unsere internationalen Anstrengungen, um die Schwierigkeiten auf dem Heimatmarkt aufzufangen.

ZEIT: Damit sind Sie so erfolgreich, dass Sie bald das größte Werbeunternehmen der Welt führen werden. Macht Sie der Erfolg nicht blind für die Probleme in der französischen Provinz, im normalen Frankreich?

Lévy: Wir stehen mit unserem Erfolg ja nicht allein da. Insgesamt sind die französischen Großunternehmen heute international sehr gut aufgestellt. Das führt dann in Frankreich zu dem Problem, dass die Leute nicht verstehen, wie wir international so erfolgreich sein können, wenn die Lage im Land schwierig bleibt.

ZEIT: Ganz einfach: Weil auch Sie in Frankreich nicht mehr investieren.

Lévy: In Frankreich zu investieren und Arbeitsplätze zu schaffen steht bei uns nicht zur Debatte. Das ist unsere Pflicht.

ZEIT: Aber die fällt Ihnen schwer?

Lévy: Es ist alles andere als leicht. Frankreich hat in der Vergangenheit eine Reihe von Maßnahmen ergriffen, die zum Verlust an Wettbewerbsfähigkeit geführt hat: die 35-Stunden-Woche, die Verteuerung des Arbeitslosengeldes, die Erhöhung der Sozialabgaben. In der Folge haben wir immer weniger neue Arbeitsplätze geschaffen und immer mehr alte Arbeitsplätze verloren. Das geht nun schon seit mehr als zehn Jahren so.

ZEIT: Sie kritisieren indirekt den Einfluss der französischen Gewerkschaften. Ist das nicht zu einfach? Haben nicht viele französische Unternehmen aus Engstirnigkeit und Bequemlichkeit den Anschluss an die Globalisierung verpasst?

Lévy: Sie urteilen vorschnell mit ausländischem Blick! Es gibt viele junge, erfolgreiche Unternehmen in Frankreich. Auch Publicis war vor 15 Jahren noch ein mittelständisches Unternehmen. 1996 hatten wir nur 6.000 Angestellte.

ZEIT: Warum schaffen nicht mehr Firmen den Sprung zum Großunternehmen und auf den Weltmarkt? Liegt es daran, dass viele französische Unternehmer aus ihren schönen Provinzstädten wie Orléans oder Tours nicht in die Welt ziehen, sondern lieber zu Hause große Menüs speisen?

Lévy: Nur weil sich die Deutschen – zu Unrecht – einer schlechten Küche bezichtigen, muss man nicht denken, dass schlechtes Essen zum Erfolg gehört. Die französische Esskultur ist außergewöhnlich. Aber das ist nicht der Grund, weshalb die Franzosen so verschlossen geblieben sind.

ZEIT: Warum dann?

Lévy: Weil es unseren Unternehmen, ob nun die in Familienhand oder jene an der Börse, insgesamt an Kapital gefehlt hat. In Deutschland gab es einmal den rheinischen Kapitalismus. Der zeichnete sich dadurch aus, dass die großen Banken über viele Jahre in Industrieunternehmen investierten und dort Reformen anregten.