Walter Gunz weiß die gewonnene Freiheit zur eigenen Freude und zum Wohle des Unternehmens einzusetzen. Im Eröffnungsjahr des ersten Media Marktes veranstaltet er einen Videorekorder-Weitwurf-Wettbewerb. Der Gewinner bekommt ein neues Gerät. Die nächsten Filialen eröffnen, aus dem kleinen Unternehmen wird ein kleiner Konzern, Gunz steuert in der Zentrale das Marketing. Auf diesem Posten setzt er später auch gegen seine konservativeren Mitgründer den Slogan "Ich bin doch nicht blöd." durch und unterstützt die Agentur-Idee "Geiz ist geil!". Es gibt viele Beschwerden der Kirchen.

Videorekorder-Weitwurf und originelle Sprüche allein reichen aber nicht, um zu wachsen. Dem noch kleinen Unternehmen Media Markt gewähren viele Hersteller keine Zahlungsaufschübe, doch bis heute funktioniert die Branche so, dass Händler die Ware vom Hersteller später aus den laufenden Einnahmen bezahlen. Das wird für Media Markt erst möglich, als der Kaufhof-Chef auf Kellerhals zukommt mit der Frage, ob man nicht zusammenarbeiten wolle, und Kaufhof 1988 die Mehrheit an Media Markt übernimmt.

Es sind die Jahrzehnte des Videos, der CD, der Mikrowelle, des Fernsehgeräts, ein gewaltig wachsender Markt, der eine 20 Jahre währende und für beide Partner sehr ersprießliche Zugewinngemeinschaft nährt. Die Media-Markt-Manager integrieren die Kaufhof-Tochter Saturn und besorgen dem Konzern das Elektrogeschäft. Es geht nach Frankreich, Österreich, Italien, weitere Länder folgen, das Unternehmen vervielfacht die Zahl der Märkte und den Umsatz. Mitte der neunziger Jahre zieht sich Kellerhals aus dem operativen Geschäft zurück, baut mit seiner Unternehmensholding Convergenta ein Immobilienimperium auf und studiert von morgens bis abends Bilanzen, über deren Struktur er bis heute spricht wie andere Menschen über lebende Organismen.

Kellerhals nimmt weiter Einfluss über den Mitgründer und Geschäftsführer Leopold Stiefel. Bald kommt es zu Konflikten zwischen Stiefel und dem in Machtdingen weniger robusten Gunz, den die neue Konzernstruktur ohnehin unglücklich macht. Im Jahr 2001 verlässt er das Unternehmen. Stiefel bleibt noch bis 2006 im Amt und verkauft bald darauf seine verbliebenen Anteile Medienberichten zufolge für 230 Millionen Euro an Metro.

Jetzt ist nur noch Erich Kellerhals da, kommt zu den Gesellschafterversammlungen, diskutiert Zahlen und Strategien – bis zum Besuch von Olaf Koch und Eckhard Cordes im Jahr 2011.

Die Kellner im Restaurant hoch über Salzburg fragen alle paar Minuten, ob der Herr Kellerhals hier und der Herr Kellerhals dort noch etwas brauche, wobei die servile Milliardärsverehrung durch den österreichischen Akzent noch an Geschmeidigkeit gewinnt. Erich Kellerhals ist in einer Phase seines Unternehmerdaseins, in der Widerspruch selten vorkommt.

Und dann platzt da dieser Cordes herein!

Kellerhals zieht ein Papier aus der Innentasche seines Sakkos, eine Grafik ist darauf zu sehen, ein paar Zahlen und Namen. Die Namen sind die der Vorstandsvorsitzenden von Metro seit 2006, sauber an einen Zeitstrahl gereiht. Die Linien und Ziffern zeigen Umsatz und Gewinn von Media-Saturn. Im Vorlauf zum Jahr 2011 ist ein roter Strich eingezeichnet, der beschriftet ist mit: "Metro-Konfrontation". Er fällt mitten hinein in Cordes’ Amtszeit als Metro-Chef. Die intendierte Gesamtaussage der Grafik lässt sich in etwa so zusammenfassen: Mit dem Konflikt wuchs der Umsatz langsamer, die Margen schrumpften, und Cordes ist schuld.

Eckhard Cordes war über viele Jahre hinweg einer der einflussreichsten Manager der Republik. Drei Jahrzehnte lang hatte er bei Daimler Karriere gemacht, zuletzt war er als Vorstand verantwortlich für Mercedes. Im Januar 2006 trat er ins Leben des Erich Kellerhals – als Chef des Familienkonzerns Franz Haniel, Hauptanteilseigner von Metro, und von 2007 an zusätzlich als Metro-Vorstandsvorsitzender.

Er entschied, das Kellerhals-Veto abzuschaffen. Ein Hausjurist hatte ihm ein dafür hilfreiches und bis dahin unbeachtetes Vertragsdetail aus den achtziger Jahren ausgegraben. Demnach darf Metro einen Beirat bei Media-Saturn einrichten, wenn keiner der Media-Markt-Gründer mehr operativ tätig ist. In diesem Beirat könnte Metro dann allein über zentrale Themen entscheiden.

Die Partnerschaft aus Metro und Kellerhals durchlebt seitdem eine tiefe Krise. Es ist, als sei ein böser Geist aus den Verträgen gestiegen, der sich nicht mehr bannen lässt.

Seit 2011 muss die Media-Saturn-Geschäftsführung laufend klären, wem sie wichtige Entscheidungen vorlegt: dem neu eingerichteten Beirat, in dem Metro mit Mehrheit entscheidet, oder der Gesellschafterversammlung, in der Kellerhals sein Vetorecht hat. Zwar werden diese Probleme mit der Zeit abnehmen, wenn die Grundsatzentscheidungen über Zuständigkeiten einmal getroffen sind. Doch bis dahin kostet das Gezänk enorm viel Zeit und Geld, während die Branche durch das Internet gleichzeitig in Bewegung ist wie nie.