Mitten in der Nacht waren sie am Sonntag aus allen Landesteilen herbeigeeilt. Drei Stunden tagten die Spitzenfunktionäre der Volkspartei in den Räumlichkeiten der Politischen Akademie zu Wien, abgeschottet wie bei einem Konklave. Seit Wochen hatte es im konservativen Lager gegärt, Gerüchte über die Rücktrittsabsichten des Parteiobmanns belebten das beschauliche Wochenende.

Dann, die Geisterstunde war schon verstrichen, reisten die aufrührerischen Chefs der sogenannten Westachse, die Landeshauptleute aus Vorarlberg, Tirol und Salzburg, wortlos wieder ab. Sichtlich enerviert und flankiert von seinen drei engsten Vasallen offenbarte sich schließlich der Mann, dessen Führungsanspruch deutlich infrage gestellt worden war. Die gespenstische Szene, behauptete Michael Spindelegger, sei reine Routine, und, nein, die Vertrauensfrage habe sich nie gestellt. Beachtlicher Galgenhumor zu so später Stunde.

Jetzt hat ein brüchiger Waffenstillstand die Parteikrise vorläufig kalmiert. Sie folgt einem altbekannten Muster: Die Landesfürsten der ÖVP geben ihrem Bundesparteiobmann zu verstehen, dass er in dieser Funktion vor allem von ihrem Wohlwollen abhängig ist. Der Steirer Josef Krainer sen. war ein Meister dieses Spieles. Seine Wortmeldungen klangen gelegentlich wie der Aufruf, bewaffnet den Marsch über den Semmering anzutreten. Der Tiroler Patriarch Eduard Wallnöfer verdeutlichte hingegen den einander rasch abwechselnden ÖVP-Obmännern seine Prioritäten, indem er die wirklich wichtigen Dinge direkt mit Bundeskanzler Bruno Kreisky vereinbarte – und sich um die Herren in der Zentrale herzlich wenig kümmerte. Offenbar lohnt es sich für ÖVP-Landespolitiker, auf kritische Distanz zur Parteiführung in Wien zu gehen.

Die Signale, welche die ÖVP-Granden nun aus Innsbruck, Graz, Bregenz und Salzburg nach Wien gesandt hatten, sind also Teil einer erprobten Dramaturgie. Doch in dem Konflikt, der derzeit die ÖVP durcheinanderrüttelt, geht es um mehr. Denn er ist ohne erkennbaren Zwang vom Parteichef selbst provoziert worden. Mit seinen Personalentscheidungen bei der Regierungsbildung verletzte Michael Spindelegger das innerparteiliche Kräftegleichgewicht und brüskierte die selbstbewussten Landesorganisationen im Westen. Auf die Provokation folgte ein Zeichen der Schwäche: Als Günther Platter, Landeshauptmann von Tirol, vor Zorn explodierte, weil sein Landsmann Karlheinz Töchterle den Posten des Wissenschaftsministers verloren hatte, opferte der Parteichef ein bereits nominiertes Kabinettsmitglied, damit sich künftig doch noch ein Tiroler um die Anliegen der Bauernschaft kümmern kann. Nachhaltig besänftigen ließ sich der schnaubende Landesfürst aus Innsbruck durch diese Ergebenheitsgeste dennoch nicht.

Dem Parteichef fehlt die Autorität, seinen Retrokurs durchzusetzen

Richtig aus dem Ruder geriet der Zwist aber erst, als Spindelegger in der neuerlichen Debatte zur Schulreform mit der Hilflosigkeit eines Parteiführers reagierte, der sich von den eigenen Leute in die Ecke gedrängt sieht. Er sei ja "nicht das Christkind", ließ der Vizekanzler wissen, als der Vorarlberger Landeshauptmann Markus Wallner den Wunsch äußerte, in seinem Bundesland die gemeinsame Schule der 10- bis 14-Jährigen in einem großflächigen Schulversuch zu erproben.

Spindelegger, der beteuert, den Schultypus des Gymnasiums unbedingt retten zu wollen, demonstriert ein eigenartiges Missverständnis, denn die angestrebte Gemeinschaftsschule stellt lediglich den Fortbestand der Hauptschule infrage. Gemeinsame Schule, das heißt Gymnasium für alle, was ein Ende des sozial elitären Auswahlprozesses durch das herkömmliche Gymnasium bedeutete.