Es gibt Sängerinnen, die ihr gesamtes Pulver in den dreieinhalb Minuten einer Popsingle verschießen. Donna Summer brachte es auf 17 Minuten. 17 Minuten nichts als Love To Love You Baby, eine Endlosschleife von einem Song, monoton und basslastig, textlich nahezu komplett abgerüstet bis auf die Titelbotschaft, variationsreich allein in der an- und abschwellenden Darbietung weiblicher Seufz- und Stöhnlaute. In dieser Drastik hatten das zuvor nur Jane Birkin und Serge Gainsbourg mit Je t’aime ...moi non plus hinbekommen. Doch die balzten immerhin als Paar.

Neu an Donna Summer war, dass das forcierte Gestöhne keine Richtung zu haben schien, nicht einmal mehr ein Objekt. Statt romantisch zu schwärmen oder wenigstens "soul" zu haben, kam es aus dem elektronischen Irgendwo einer Hallkammer. Mitte der Siebziger, als alle Welt von Beziehungsarbeit und Authentizität sprach, kam das einem Kulturschock gleich.

Inzwischen ist auch diese Episode eingenordet, stilgeschichtlich als Höhepunkt einer Ära namens Munich Disco, technologisch als Entwicklungsschritt hin zum Samplingzeitalter, gendertheoretisch als Beginn eines langen Abschieds vom ehrlichen Männerschweiß des Rock ’n’ Roll. Ob Summers Ekstasesimulationen tatsächlich die ozeanischen Dimensionen weiblicher Lust zur Aufführung bringen, harrt letzter Klärungen, was heute verblüfft, ist viel eher die Aufregung, die dieses formschöne Stück Stimmungsmusik einmal auslöste. Aber das ist nun einmal der Lauf der Dinge: Erst fällt allen die Kinnlade runter. Im nächsten Moment bist du dann schon ein Klassiker.

Donna Summer: Love To Love You Baby (Casablanca/Universal)