ZEITmagazin: Herr Bahr, Sie gehören zu einem kleinen Kreis weiser älterer Männer, deren Rat gerade wieder sehr gefragt ist. Können Sie sich diese Popularität erklären?

Egon Bahr: Die Öffentlichkeit ist durch eine Fülle von Unsicherheiten geprägt und denkt unwillkürlich, die Rettung könne von der Erfahrung kommen. Da zeigt sich der Generationenwechsel. Ich gehöre zu einer Generation, die noch elementare Entscheidungen treffen musste, während die Nachfolgegenerationen in die Selbstverständlichkeit eines Wohlfahrtsstaats hineingeboren wurden.

ZEITmagazin: Ihre Großmutter mütterlicherseits war Jüdin. Ihr Vater hätte sich in der Nazi-Diktatur von Ihrer Mutter trennen sollen, was er nicht getan hat. Wie haben die frühen existenziellen Erfahrungen von Gewalt und Aggression Sie beeinflusst?

Bahr: Meine Erfahrung war zunächst, dass die Vorhersage meines Vaters "Wenn die Nazis kommen, kommt der Krieg" nicht zutraf. Und als der Krieg schließlich kam, waren die Erfolge doch eindrucksvoll. Es gab einen inneren Widerstreit zwischen dem Stolz auf das, was dieses Volk alles kann, und der Gewissheit: Wenn das bleibt, ist es das Ende von mir und meiner Familie.

ZEITmagazin: Sie sind freiwillig zur Luftwaffe gegangen. Waren Sie damals noch begeistert dabei?

Bahr: Nein, auch wenn ich einmal nach dem Abschuss eines Flugzeugs, das Bomben auf Berlin geworfen hatte, trotz der Toten eine Sekunde lang Genugtuung empfand. Zugleich war ich zutiefst erschrocken, wie dünn der Firnis der Menschlichkeit ist, wenn man darüber Genugtuung empfinden kann.

ZEITmagazin: "Wandel durch Annäherung" war seit Ihrer berühmten Rede von 1963 in Tutzing Ihr politisches Motto und auch die Leitlinie von Willy Brandt, dessen Vertrauen Sie immer hatten.

Bahr: Ich wusste bei allen Verhandlungen, was ich entscheiden konnte und was der Chef entscheiden muss. Und der Chef wusste auch, dass ich in jeder entscheidenden Frage zu ihm kam. Ein einziges Mal konnte ich ihn vor einer wichtigen Besprechung mit Erich Honecker nicht mehr erreichen und habe zehn Punkte aufgeschrieben und vorgelesen. Hinterher gab ich sie Brandt, und er sagte: So scharf wäre ich nicht gewesen, aber in Ordnung.

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ZEITmagazin: Sie haben immer als Strippenzieher agiert und waren das Gehirn für andere.

Bahr: Für mich galt: Erkenne dich selbst! Ich wusste, was ich kann und was nicht, und ich wusste, was Brandt konnte und ich nicht. Ich hatte nie die faszinierende Ausstrahlung von Brandt, dafür habe ich mich mit Konzeptionen beschäftigt und wurde für das Denken im Planungsstab des Auswärtigen Amtes bezahlt. Und Konzeptionen und Ausstrahlungskraft zusammen haben Deutschlands Einheit vorbereitet und Europa verändert.