Im Jahr 1845 propagierte der Journalist John L. O’Sullivan das größtmögliche Ziel, das die Vereinigten Staaten erreichen sollten. Er erklärte, es sei die offenkundige Bestimmung der Nation, "sich auszubreiten und den gesamten Kontinent in Besitz zu nehmen, den die Vorsehung uns für die Entwicklung des großen Experimentes Freiheit anvertraut hat". Hehre Worte, die grausige Taten verbrämten. Der Mythos von der frontier, von der Grenze der Zivilisation, die immer weiter nach Westen verschoben werden müsse, ist Gegenstand einiger der großartigsten Erzählungen der amerikanischen Kultur. Vielleicht der finsterste Roman über die Verwüstung, die diese Landnahme in der amerikanischen Seele hinterlassen hat, ist soeben auf Deutsch erschienen. Bezeichnenderweise heißt er Das Böse im Blut.

James Carlos Blake erzählt darin in ausgenüchterter Sprache die Geschichte der Brüder Edward und John Little. Mithilfe der Bibel haben sie Lesen und Schreiben gelernt, aber sie verstehen nur die Sprache der Gewalt. Ihre Mutter war als Waise in die Fänge eines Predigers geraten, der sie missbrauchte und prostituierte. Jack, der als Totschläger unter falschem Namen vorbeikam, schien ihr die Rettung. Er nahm sie in die finsteren Wälder Floridas mit und machte ihr drei Kinder. Als Daddyjack Jahre später von ihrer Vorgeschichte erfährt, knüpft er sie an einen Baum und peitscht sie aus bis aufs Blut. Sie rächt sich, indem sie den Söhnen John und Edward weismacht, Daddyjack habe ihre jüngere Schwester Maggie missbraucht. Die Jungen erschießen den Vater, die Mutter verschwindet auf Nimmerwiedersehen. Maggie ist verschollen, Edward schnitzt "W. N. T." in einen Baum. Weg nach Texas. Dort hofft John einen "Flecken Erde" zu ergattern, ohne den "ein Mann bloß ’ne Feder im Wind" sei.

Vatermord, Inzest und wüsteste Gewalt – das ist die familiäre Disposition der beiden Brüder. James Carlos Blake schickt sie, mit sechzehn und siebzehn Jahren im besten Alter für den Wahnsinn des Krieges, in die Epoche der größten kontinentalen Expansion der USA. Am Ende des mexikanisch-amerikanischen Krieges werden die USA Texas annektieren und die Grenze zu Mexiko dorthin vorgeschoben haben, wo sie im Wesentlichen bis heute verläuft. James Carlos Blake ist 1947 im mexikanischen Tampico geboren, wuchs im Süden der USA auf und hat sein Leben und Schreiben mit der Ergründung dieser besonderen Grenzregion verbracht.

Edward und John folgen dem unbestimmten Drang der expandierenden Nation nach Westen. Blake teilt ihre Perspektive: Es ist die denkbar brutalste, die der einfachen Soldaten, für die Ruhm und Nation nichts, Überleben alles bedeutet. Auf dem kurzen Weg nach New Orleans erlernen die Brüder das Gesetz der Wildnis: kämpfen oder sterben. In New Orleans werden sie getrennt. Von da an waten sie als Skalpjäger, Plünderer, Spione, Marodeure, Soldaten, Überläufer durch Ströme von Blut. Blake schildert Szenen von so unerträglicher Grausamkeit, dass sich sogar der Himmel färbt: Selbst Sonnenuntergänge leuchten über dieser von Gewalt verdüsterten Welt wie blutiges Fleisch. Zum Schluss, in Mexico City, begegnen sich die Brüder als Angehörige miteinander verfeindeter Armeen wieder. John soll als Deserteur gehängt werden. Edward, der seinen Skalp verloren hat, aber auf der Seite der Sieger steht, versucht den Bruder zu retten. Aber in diesem Bruderkrieg, den Blake mit der Bitterkeit eines Ambrose Bierce, mit der Rücksichtslosigkeit eines Cormac McCarthy und der Exaktheit eines Historikers schildert, gibt es keine Gewinner. Das Böse im Blut gibt Einblick in die finstersten Traumata der amerikanischen Mentalität. Im Schicksal dieser beiden Halbwüchsigen schwingt die Erinnerung an das Leid aller anderen jungen Männer mit, die seitdem ihr Leben lassen mussten.