Eine tödliche Stille liegt über Peterhof, als Marina Tichomirowa am 31. Januar 1944 das Schloss nach knapp zweieinhalb Jahren Besatzung zum ersten Mal wieder besucht. Zwölf Tage zuvor sind die deutschen Truppen abgezogen. Den Weg aus dem dreißig Kilometer entfernten Leningrad, dem früheren (und heutigen) Sankt Petersburg, hat sie als Anhalterin auf einem Panzer und einem Leichenwagen zurückgelegt.

Tiefer Schnee bedeckt den Park wie eine gnädige Decke, doch das ganze Ausmaß der Zerstörung ist deutlich zu erkennen. "Das Erste, was die Augen sahen, war ein unbeschreibliches Chaos: Trümmer, ein breiter Panzergraben, der den ganzen Oberen Park durchtrennte, und dahinter die abgebrannten Ruinen des Großen Palastes, ohne die goldenen Kuppeln", schreibt Tichomirowa, die spätere Hauptkonservatorin des Schlosses, in ihren Erinnerungen.

Der Schutt im Palast türmt sich ein Stockwerk hoch. Aus der oberen Wand der Eremitage ragt ein Geschützrohr. Zerschlagen liegen die Marmorsäulen der Löwenkaskade am Boden. Der Neptun-Brunnen fehlt. Schloss Marly ist niedergebrannt. Auch Monplaisir, das Lieblingsschlösschen Peters des Großen, ist schwer getroffen, vom Katharinenflügel stehen nur noch die Mauern. Von hier aus brach einst, im Juli 1762, die Großfürstin Katharina nach Sankt Petersburg auf, um ihren Gatten, den unglücklichen Peter III., zu entsorgen und selber Zarin zu werden. Hinter Monplaisir im Garten warnen jetzt Schilder in Deutsch: "Achtung, Minen!"

Als der Palast brennt, verbieten die Besatzer, das Feuer zu löschen

Die weltberühmte Große Kaskade, die in jenen schmalen Kanal übergeht, der Peterhof mit der Ostsee verbindet, bietet einen traurigen Anblick: Alle Statuen, Hermen und Basreliefs sind abmontiert. Auch die knapp zweitausend Düsen der Fontänen haben die Wehrmachtsoldaten geplündert. Sollten sie sogar die jahrhundertealten unterirdischen Wasserleitungen geraubt haben?

Tichomirowa kriecht in die Katakomben unter der Kaskade und atmet auf: Die Rohre sind noch da. Dann stößt sie auf Berge von Porzellanscherben. Das eingelagerte Geschirr ist durch eine Explosion von oben zerschlagen worden. Die Deutschen hatten auf der Palastveranda noch schnell eine Sprengladung gezündet. Weiter hinten, im Halbdunkel, entdeckt Tichomirowa ein Klappbett, einen Eisenofen und eine verkrümmte Leiche im feldgrauen Wehrmachtmantel. Vielleicht hat der unbekannte Soldat, ein Deserteur oder ein Versprengter, hier noch ein paar Tage zuvor einsam gehaust, bis er starb.

Das alte Peterhof, die bedeutendste Zarenresidenz außerhalb Sankt Petersburgs und des Kremls in Moskau, die Sommerhauptstadt des Russischen Reiches im 18. und 19. Jahrhundert, scheint für immer verloren. Mancher Architekt urteilt in den kommenden Monaten: "Das kann nie wiederhergestellt werden." Das "Fenster zum Westen" Peters des Großen, das einst vom Speisesaal des Palasts auf den Kanal der Großen Kaskade im Unteren Park und den Finnischen Meerbusen blicken ließ, gibt es nicht mehr. Auch die anderen Zarenschlösser im Süden von Leningrad liegen in Trümmern: Puschkin, Pawlowsk und Gatschina. Hitlers Truppen haben mit Plan und Vorsatz just jene Orte verwüstet, die einst Russlands Willen bekräftigten, Teil der europäischen Machtordnung und Zivilisation zu sein.

Im Jahr 1705 hatte Peter der Große beschlossen, es Ludwig XIV., Frankreichs Sonnenkönig, gleichzutun und ein russisches Versailles zu errichten. Er lud die führenden Architekten Europas ein. Der Ort war genial gewählt: Das Wasser für die Springbrunnen stammt von den 20 Kilometer entfernten Höhen von Ropscha und fließt ohne Pumpen herbei. Die barocken, Lineal und Zirkel unterworfenen Gärten hatte Peter in Europa kennengelernt. Für seine Gemäldesammlung, die erste im Land, baute er das Schloss Monplaisir. Er gab der weltlichen, nicht von Religion und Kirche bestimmten Kunst einen neuen Platz in Russland.