Saudi-Arabien macht es Besuchern nicht leicht. Lange, manchmal Jahre, wartet man als Europäer auf ein Visum. Die Restaurants und Geschäfte schließen fünfmal am Tag zu den Gebetszeiten. Und in der Pilgersaison hat man als Christ ohnehin kaum eine Chance. Das hat uns angezogen, genauso wie diese Verheißung: Tief im Landesinnern liegt eine sagenumwobene Schluchtenlandschaft, die größer sein soll als der Grand Canyon in den USA, abgelegener als Spitzbergen und heißer als die Sahara. Die meisten Touristen in Saudi-Arabien zieht es direkt nach Mekka. Die große Schlucht aber liegt viel weiter im Norden, unweit der Gräberstätten von Mada’in Salih, einem Weltkulturerbe aus antiker Zeit. Wenige finden hierher, vor allem wenige Muslime. Denn auf der Region lastet ein Fluch des Propheten. Wir wagten es trotzdem – und wären fast nicht mehr zurückgekommen.

Morgenlandung in der Wüstenstadt Hail. Im Sonnenaufgang warten wir auf unseren verspäteten Fahrer. Vier Stunden mit dem Auto nach Westen liegen vor uns. Irgendwann auf halber Strecke beginnt die Wüste Falten zu werfen. Die Falten türmen sich auf zu Gesteinshaufen, Hügeln, schließlich Bergen. Die schroffen Felswände leuchten. Einige Berge haben Gesichter, andere erinnern an Elefantenkörper oder Giraffenhälse. Hier, zwischen den steinernen Kolossen, muss die Schlucht beginnen. Wir fragen, wo, aber keiner kennt den Weg, niemand will uns führen.

Der nächstgelegene Ort heißt Al-Ula, es ist eine Oase an einem Palmenwald. Auch ein Hotel steht hier, es lebt von den wenigen Besuchern der nahe gelegenen Gräber Mada’in Salihs. Wir quartieren uns ein. Wir haben uns vorher angemeldet für den Besuch der Grabanlagen und, typisch Touristen, Sorge gehabt, sie könnten überlaufen sein. Doch kein Auto ist zu sehen, nicht auf der Anfahrt, nicht am nur müde bewachten Zufahrtstor. Die Wächter lassen uns durch auf eine zunächst unspektakuläre Straße. Doch auf einmal ragt aus der Wüste ein rötliches Felsmassiv hervor. Darin zeichnen sich beim Näherkommen Häuser ab, wirkliche Häuser. Wir steigen aus, gehen ganz nah heran. Keine Absperrung. Kein Kartenabreißer. Keine Touristen. Nur wir und das vielleicht am wenigsten besuchte Weltkulturerbe der Welt.

Haushohe Portale sind in die Felsen gemeißelt, klar konturiert und verziert fast wie am ersten Tag vor über 2000 Jahren, als der arabische Stamm der Nabatäer hier die Handelsstadt Hegra unterhielt. Die geschäftstüchtigen Nomaden waren ebenso im jordanischen Petra zu Hause. Auch dort ließen die Wohlhabenden unter ihnen ihre Gräber in Felsen hauen, und Abermillionen Touristen haben sie gesehen. Aber hier? Am Tag unserer Visite sind es gerade zwei Dutzend Europäer und Amerikaner.

Im letzten Jahrtausend vor Christus hatten die Nabatäer mit ihrer Mischung aus Handel und Aggression die Gegend beherrscht. Später haben die Römer sie unterworfen. Und doch stehen die Steinfassaden stolz in der Wüste, ein Gruß aus ferner Vorzeit. Von Menschenhand gemacht, aber doch so natürlich in die Felsen eingepasst, als wären sie mit der Schöpfung entstanden und würden erst mit ihr wieder vergehen. Wir fassen den warmen Stein an. Die Gräber, eins neben dem anderen wie Reihenhäuser, stehen offen. So hoch die Portale ragen, so klein wirken die Steinsärge in den Höhlen. Manche ganz am Fuß des Felsens, andere höher gelegen, sodass wir sie erklimmen müssen. Auf der vielleicht zehn Kilometer langen Rundfahrt ist dann aber auch zu sehen, wie eine Konkurrenz um das schönste Grabmal und den größten Nachruhm entstand. Das imposanteste Exemplar liegt allein, gleich neben einer Sanddüne. Sein Portal nimmt den ganzen, steil aufragenden Felsen ein. Hier wollte jemand Eindruck schinden. Doch offenbar hat er sich übernommen. Das Riesengrab wurde nie fertig.

Wohl den anderen Nabatäern, die sich einen Felsen für ihre Gräber teilten. Erst noch recht bescheiden gebaut, später dann immer größer, trotzt jedes von ihnen der Ewigkeit eine kleine Ecke ab. Wir zwängen uns durch den hohen Spalt eines Steinhügels und finden ein sandiges Tal mit Felsen zu beiden Seiten. Rechts steigen wir die noch ansatzweise erhaltenen Treppenstufen hinauf. Welch ein Blick: Die schräg stehende Sonne lässt die Felsen rötlich leuchten. Weit hinten sehen wir die Grabmale in der Wüste stehen, klein wie in einem Modell. Unwirklich, trotzig, schön.

Die Nabatäer siedelten hier nicht zufällig. An diesem Ort kreuzten sich Handelswege zwischen dem Mittelmeer und der Arabischen Halbinsel. Auf unserem Rundweg finden wir eine gusseiserne alte Lok mitten in der Wüste. Drum herum stehen die Gebäude der Hedschasbahn, die hier vor hundert Jahren einen Bahnhof betrieb. Ein eigenartiges Stück klassischer Moderne in dieser Landschaft. Die Osmanen ließen die Bahn ab 1900 bauen, in Damaskus ging die Strecke los, in Mekka sollte sie enden, doch so weit kam der Schienenstrang nie. Deutsche Ingenieure leiteten den Bau, und das Bahnhofsgebäude hat etwas von Rheda-Wiedenbrück.