Mit Verve diskutieren wir seit einigen Tagen über Spesenabrechnungen, Sitzungsgelder, Nebeneinkünfte und Reiseentschädigungen unserer Politiker. Dass die Journalisten nun in allen Kantonen, Städten und Gemeinden weitergrübeln, ist ihre ehrenwerte Aufgabe und Pflicht. Und damit keine Missverständnisse entstehen: Wer gegen bestehende Gesetze oder Vorschriften verstößt, gehört bestraft.

Ich warne aber vor zu viel Moralismus und der Verklärung einer Low-Cost-Politik. Aus mehreren Gründen.

Die politische Klasse besteht nun mal aus einem besonderen Schlag Menschen, mit entsprechenden Stärken und Schwächen. Wer in die politische Arena steigt, der hat ein großes Anerkennungsbedürfnis, ist eitel und besitzt den Willen zur Macht.

Würden wir die Volksvertreter mit diesen Charaktereigenschaften abwählen, so blieben uns nur jene Frauen und Männer, die anderswo keine bessere Stelle finden könnten.

Das kann nicht in unserem Interesse sein. Neben den persönlichen Schwächen müssen wir auch die Begabungen und Leistungen beachten. Einem korrekten und pflichtbewussten Mittelmäßigen schulden wir Anerkennung für seine Ehrlichkeit, seine Charakterfestigkeit und seinen Gemeinsinn. Aber wir dürfen von ihm keine originellen Vorschläge für die Lösung unserer Probleme erwarten.

Manch großer Politiker war und ist nicht frei von privaten Lastern. Perikles und Julius Cäsar, zwei Riesen der Antike, waren mit ihren persönlichen Geschäften nicht über jeden Zweifel erhaben. Danton, Brissot, Barrère, Barras oder Napoleon gebührt sehr hohe Anerkennung für ihren Kampf während der Französischen Revolution – aber diese Herren haben sich auch mit wenig zimperlichen Mitteln bereichert.

Der junge französische Philosoph Gaspard Koenig schrieb kürzlich ein lesenswertes Buch über Les discrètes vertus de la corruption . Der große niederländische Denker Bernard Mandeville schrieb über die öffentlichen Vorteile von privaten Lastern. Und Nietzsche zog eine – zugegebenermaßen gewagte – Parallele zwischen Mittelmäßigkeit und Unbestechlichkeit.

Heute aber ist Low Cost zur Mode geworden. Man empört sich darüber, wie viel ein Politiker in der Welt rumreist und wie kostspielig das ist. Wenn, wie geschehen, für eine Reise einer vielköpfigen Delegation des Europäischen Parlaments in den Kongo Hunderttausende Euro verschwendet werden, nur um über Demokratie zu debattieren, so ist dies eine Schande.

Aber wenn handkehrum ein Behördenmitglied von Zürich nach Singapur in der Economy Class fliegt, denke ich, dass die Dame oder der Herr die langen Flugstunden nicht benutzen will, um wichtige Dossiers in Ruhe zu studieren.

In den achtziger Jahren verbrachte ich jede zweite Woche in New York. Abflug war am Montagmorgen um 11 Uhr mit der Concorde ab Paris. Dank Überschall und Zeitverschiebung war ich um 9.30 Uhr im Büro in Manhattan und hatte so einen vollen Arbeitstag zur Verfügung. Das war zwar kostspielig, aber außerordentlich vorteilhaft.

Demgegenüber ist die nun grassierende Billig-Mentalität weder effizient noch sparsam. Schlechte Entlöhnung und Holzklasse-Spesenreglemente ziehen entsprechend mittelmäßiges Personal an. Das wiederum birgt die Gefahr, dass Beschlüsse gefasst werden, die Schäden in Millionenhöhe erzeugen.

Kurzum: Von Billig-Politikern kann man keine politische Arbeit erster Klasse erwarten.