DIE ZEIT: Herr Gaillard, die Schweiz schrieb in den letzten acht Jahren immer schwarze Zahlen. Wie geht ein Staat mit zu viel Geld um?

Serge Gaillard: Wir konnten die Schulden seit 2005 um 20 Milliarden abbauen. Wenn die Überschüsse zunehmen, werden aber auch die Begehrlichkeiten vielstimmiger. In den achtziger Jahren erlebte die Schweiz auch einen siebenjährigen Aufschwung. Wir hatten ein kräftiges Wachstum, die Arbeitslosigkeit fiel runter, es herrschte Vollbeschäftigung. Und plötzlich nahmen die Staatsausgaben zur Unzeit stark zu. Dank der Schuldenbremse passiert das heute nicht mehr. Wir können über einen Konjunkturzyklus hinweg die Einnahmen und Ausgaben im Gleichgewicht halten.

ZEIT: Die Schuldenbremse ist eine Art Erziehungsmaßnahme für ausgabefreudige Politiker?

Gaillard: Die Schuldenbremse diszipliniert. Sie gibt uns vor, wie viel wir in einem Jahr ausgeben dürfen. Das ist eine Ausgabenlimite, die von links bis rechts akzeptiert wird.

ZEIT: Sie betonen immer wieder: Wir müssen in den guten Zeiten zurückhaltend Geld ausgeben, damit wir in den schlechten Zeiten nicht stark sparen müssen. Als SP-Mitglied machen Sie sich damit unter Ihren Genossen nicht nur Freunde.

Gaillard: In der ökonomischen Lehre gibt es keine Zweifel. Im Konjunkturaufschwung sollte der Staat zurückhaltend sein mit Geldausgeben und in der Rezession nicht zu stark sparen, weil man in einen Teufelskreis mit geringerer Nachfrage, höherer Arbeitslosigkeit und einbrechender Wirtschaft geraten kann.

ZEIT: Als Direktor der Finanzverwaltung gehen alle Bundesratsgeschäfte über Ihr Pult. Welche Departemente gehen besonders locker mit Geld um?

Gaillard: Es gibt sechs Departemente mit guten Ideen, wofür man Geld ausgeben kann – und es gibt das Finanzdepartement. Wir schauen, dass diese Pläne nicht überborden. Die Wunschlisten sind in allen Aufgabengebieten länger als finanzierbar. In der Bildung steigen die Ausgaben um mehr als drei Prozent pro Jahr. Wir stecken jährlich über acht Milliarden Franken in den Verkehr, das Parlament hat die Armeeausgaben erhöht, es hat mehr Geld für die Energieforschung gesprochen. Aber das Erfreuliche ist: Am Schluss müssen sich alle nach der Decke strecken und die Schuldenbremse einhalten.

ZEIT: Fast alle Vorlagen des Bundesrats kommen in den letzten Jahren teurer aus dem Parlament zurück, als sie reinkamen. Haben die Politiker verlernt, Prioritäten zu setzen?

Gaillard: In der Politik gibt es Zyklen. Nach den neunziger Jahren, als wir mit steigenden Schulden kämpften, war es umgekehrt: Wenn eine Vorlage des Bundesrats ins Parlament kam, wurde sie dort zusammengestrichen. Heute hat jeder Parlamentarier sein Spezialgebiet, für das er in den guten Zeiten möglichst viel rausholen will.

ZEIT: Sie haben kürzlich eine Wunschliste der Politiker erstellt. Würde alles umgesetzt, fehlten 5,6 Milliarden Franken im Bundeshaushalt. Hat Sie diese Zahl überrascht?

Gaillard: Nein. Als früherer Gewerkschafter bin ich es gewohnt, dass die Arbeitgeberseite alle gewerkschaftlichen Wünsche zusammengezählt und dann gesagt hat: Wenn wir all das umsetzen, bricht die Wirtschaft zusammen! Wünsche sind nicht immer realisierbar.

ZEIT: Sie haben also von Ihren früheren politischen Gegnern gelernt?

Gaillard: So kann man es auch sehen.

ZEIT: Sie warnten im Herbst, der finanzielle Spielraum des Bundes werde enger. Das Parlament aber wollte nichts von Ihrem Sparprogramm KAP wissen. Nun müssen die Rasenmähermethode anwenden. Ist das nicht unvernünftig?

Gaillard: Die SP sagte sich: Wieso sollen wir 570 Millionen sparen, nur damit wir nachher die Armeeausgaben erhöhen? Und die SVP sagte: Ihr spart viel zu wenig! Gemeinsam haben sie das Sparprogramm zurückgewiesen. Das alles ist aber vermutlich nur passiert, weil die finanzpolitische Lage nicht sehr dramatisch ist. Die Politiker vertrauen der Verwaltung und dem Bundesrat, dass er Vorschläge bringen wird, wie man die Schuldenbremse trotzdem einhalten kann. Man hat uns die Aufgabe des Kürzens übertragen.