Wenn Barack Obama dem Satz der Kanzlerin zustimmt, dass Abhören unter Verbündeten "gar nicht" geht, und mit dem Abhören dann weitermacht wie bisher, kann daraus eigentlich nur folgen: Amerika und Deutschland sind keine Verbündeten mehr.

Will der US-Präsident, dass die Deutschen diesen Schluss ziehen? Oder warum lässt er seine Geheimdienstler in Washington, wie die Süddeutsche Zeitung jetzt berichtet, die deutschen Vorschläge für ein No-Spy-Abkommen mit einer Leichtigkeit zurückweisen, als hätten die Deutschen um milde politische Gaben gebettelt?

Eine präsidentielle Zusage, keine Bundeskanzler-Handys mehr anzuzapfen, könne sich Obama gerade noch vorstellen, heißt es. Eine ebensolche Garantie für Minister, Spitzenbeamte oder gar alle Bürger wolle er schon nicht mehr geben. Das hieße: Amerika nimmt sich auch künftig die Freiheit, die Souveränität der Bundesrepublik Deutschland und die Grundrechte seiner Bürger zu verletzen.

Darüber könnte man sich jetzt noch einmal heftig erregen. Zürnen. Poltern. Drohen. Das wird aber nichts helfen. Die Empörung über die Exzesse der NSA ist ebenso ergebnislos geblieben wie politischer Protest und diplomatische Eindämmungsversuche. Es nutzt offenbar nichts, an das Gewissen einer Supermacht zu appellieren. Nicht einmal der freundliche Barack Obama regiert allein auf Moralbasis, sondern auf Grundlage von Interessen. Und die sieht er im Fall der NSA offenbar zu Amerikas Gunsten ausbalanciert. Er glaubt augenscheinlich, dass es mehr Nutzen als Schaden bringt, befreundete Regierungen abzuhören. Womit sollten sich die Europäer auch wehren? Mit dem Boykott eines Freihandelsabkommens, das ihnen mehr Gewinn verspricht als den USA?

Nein, es ist Zeit, in Phase zwei der transatlantischen Unterredung einzutreten. Der Feststellung, dass das Verhalten der US-Regierung skandalös, unwürdig und eine Enttäuschung in historischer Dimension ist, müssen härtere Worte folgen:

Was ihr da macht, ist unklug. Denn ihr verliert einen Freund.

Man kann von hier aus natürlich nur erahnen, welche Vorteile die US-Regierung davon hat, zu wissen, was Wolfgang Schäuble in europäischen Vier-Augen-Gesprächen über die Euro-Krise sagt. Oder wie gut sich Frank-Walter Steinmeier mit Wladimir Putin versteht. Oder welche Industriedeals das Wirtschaftsministerium demnächst mit China einfädeln will. Womöglich gibt es den einen oder anderen messbaren Nutzen.

In Zeiten allerdings, in denen ohnehin jedes Regierungsmitglied davon ausgeht, abgehört zu werden, nutzt es wenig, zehn Gespräche zu belauschen, in denen zehn Gegenüber jeweils das zu hören bekommen, was sie hören sollen. Die eigentliche Chance, das Denken von Entscheidungsträgern zu ergründen, ist immer noch das altmodische Gespräch unter Menschen, die sich vertrauen. Dieses Vertrauen ist ein umso wertvolleres Gut geworden, je einfacher heute jedermann digitale Ausspähung betreiben kann.

Genau dieses Gut beschädigt die US-Regierung gerade massiv. Sich beim Spionieren erwischen zu lassen ist peinlich. Die Sache danach mit Ansage fortzusetzen ist ein Affront, das Zeichen, dass der andere kein Vertrauen verdient (jedenfalls erheblich weniger als Großbritannien, Kanada, Neuseeland und Australien, dessen Regierungen Amerika angeblich nicht abhört).

Sicher, es kann sein, dass Obama das weiß und dass es ihm egal ist. Dass ihm die technische Aufklärung wichtiger ist als der menschliche Draht. Aber wie soll er es auch anders sehen, wenn die Bundesregierung ihm noch immer nichts als Nettigkeiten entgegenbringt? Erst gab es ein freundliches Gespräch mit Merkel, dann wurde die NSA-Affäre für beendet erklärt, schließlich fragte der BND-Präsident artig nach einem Besuchstermin.

So macht man Amerika keine Gefahr klar. Deutschland muss mehr Mut zur Abkühlung zeigen; ansonsten wird sich die Kosten-Nutzen-Rechnung in Washington nicht ändern. Wer die Bundesregierung als zweitklassigen Verbündeten behandelt, den muss man mit dem Preis konfrontieren: Aus einer verlässlichen Partnerschaft kann eine taktische Beziehung werden. Will Amerika die mit Europas mächtigstem Land?

Es braucht jetzt keine spektakulären Einzelaktionen – wichtiger wäre ein Wandel im Auftritt, im Gesprächsklima, in der diplomatischen Temperatur. Die US-Regierung muss spüren, dass sie im langfristigen Gespräch mit Berlin genau das zu verlieren droht, was sie sich durch den ganzen riesigen NSA-Apparat zu verschaffen wähnt: glaubwürdige, bedeutsame Auskünfte.