Manche Waffen töten so grausam, dass ihr Einsatz völkerrechtlich geächtet ist und ein Verstoß dagegen weltweiten Protest, ja sogar die Androhung einer Intervention provoziert. Giftgas gehört dazu. Manche Waffen töten so leise, dass kaum jemand ihren Einsatz bemerkt, obwohl sie geächtet sind. Der Hunger gehört dazu.

Syriens Präsident Baschar al-Assad wendet diese Waffe seit Monaten gegen sein eigenes Volk an. Und doch fragen sich westliche Diplomaten vor der internationalen Syrienkonferenz nächste Woche, ob sie mit Assad auf absehbare Zeit nicht nur reden müssen, sondern ob sein Verbleib im Amt womöglich sinnvoll sein könnte.

"Ergebt euch oder verhungert!" lautet die Parole des Regimes, das oppositionelle Gebiete teilweise seit über einem Jahr von Nachschub mit Medikamenten und Nahrung abgeschnitten hat. In manchen Orten ernähren sich die Menschen von Katzen-, Hunde- und Eselsfleisch. UN-Stellen berichten von Hungertoten. Betroffen sind zum Teil wieder jene Menschen, die im vergangenen August den verheerenden Giftgasangriff überlebt haben, der die USA um ein Haar zum militärischen Eingreifen veranlasst hätte. Das haben Russland und Syrien verhindert, indem sie einen Deal zur Abrüstung des syrischen C-Waffen-Arsenals eingegangen sind. Doch diese Abmachung – international als diplomatische Sensation gefeiert – hat sich für Syriens Zivilbevölkerung als Katastrophe erwiesen. Denn befreit von allen Interventionsdrohungen, hat das Regime den Krieg gegen Rebellen und Zivilbevölkerung forciert. Nicht nur durch Aushungern. Seit Wochen wirft das syrische Militär barrel bombs, mit Sprengstoff und Metall gefüllte Fässer, auf Wohnviertel in Aleppo ab.

Trotzdem hat Assad wieder Oberwasser. Die internationale Öffentlichkeit schaut in Syrien vor allem auf die Gefahr durch islamistische Rebellen. Besser ein Verbrecher wie Assad an der Macht, argumentieren inzwischen "Realpolitiker" in Washington, als ein ganzes Land in den Händen von Al-Kaida. Diese Annahme ist weder realistisch noch politisch akzeptabel. Sie ist schlicht falsch und gefährlich. Denn sie honoriert, wie es der amerikanische Nahostexperte Frederic Hof formuliert, die skrupellose Strategie eines Diktators, "sein Land in Brand zu setzen, um sich der Welt als Feuerwehr anzubieten".

Assads Muster ist immer dasselbe:

Er hat seit Beginn der Proteste vor fast drei Jahren den Aufstand gegen sich durch brutale Gewalt radikalisiert und präsentiert sich dem Westen nun wieder als Bekämpfer der Radikalen.

Er hat Chemiewaffen eingesetzt – und ist dann in die Rolle des Abrüstungspartners geschlüpft.

Er lässt ganze Gebiete aushungern – und geriert sich nun als ernsthafter Verhandlungspartner, indem er in einigen Fällen Hilfslieferungen zulassen will.

Soll man also gar nicht mit ihm reden? Man sollte. Es kommt nur darauf an, in welcher Rolle und worüber.

Das syrische Baath-Regime ist, so paradox es klingt, historisch erledigt und kann doch noch Jahre in Damaskus ausharren – vorausgesetzt, seine Verbündeten Russland und Iran wollen das. Die Rebellen, egal welcher radikal-islamistischen Ausrichtung, können noch Jahre weiterkämpfen – vorausgesetzt, ihre Finanziers in Saudi-Arabien und den Golfstaaten wollen das.