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Eigentlich geht es in diesem Film um eine Roma-Frau. Wobei: Korrekt müsste es "Romni" heißen. Wieso das wichtig ist? Weil Begriffe definieren und zementieren. So sagt es der Zürcher Regisseur Men Lareida. Also nochmals von vorne: Viktoria, die Hauptfigur in Lareidas neuem Film, ist Romni. Sie fährt, wie Hunderte junger Frauen vor ihr, alleine im Nachtzug Wiener Walzer von Budapest nach Zürich. Dort wird sie von einer Landsfrau in Empfang genommen, meldet sich in einem demütigenden Prozedere bei den Behörden an – und geht dann als Prostituierte am Sihlquai anschaffen. Sie tut dies freiwillig, aber einen Teil ihrer Einnahmen kassiert ihr Zuhälter. Ein düsterer Kerl: Manchmal macht er Stress, hin und wieder schlägt er Viktoria. Aber es wird noch schlimmer kommen.

Men Lareida, 45, sitzt am runden Holztisch seiner Wohnung im sechsten Stock des Locherguts im Zürcher Kreis 4. Ihm gegenüber Anna Maros, 42, seit zwanzig Jahren seine Ehefrau. Sie stammt aus Ungarn, hat aber an der Universität Bern Theaterwissenschaften studiert. Das Paar pendelt zwischen der Schweiz und Ungarn, lebt hier wie dort in einfachen Verhältnissen.

Es ist das erste Mal, dass das Paar für einen Film so intensiv zusammengearbeitet hat. "Wir haben etwa ein Jahr lang an diesem Film geschrieben, mehrheitlich in Budapest, weil man sich in Zürich Zeit nicht leisten kann", sagt Lareida. Und es ist das erste Mal, dass er einen langen Spielfilm drehte. Bekannt wurde der Regisseur 2005 mit seinem Dokumentarfilm Live fast , die young über den Schweizer Formel-1-Rennfahrer Jo Siffert. Schnell geschnitten, in einer coolen Retroästhetik.

Und nun also Viktoria – A Tale of Grace and Greed, eine politisch und gesellschaftlich hoch aktuelle Story. Das ist selten für einen Schweizer Spielfilm. Wenn, dann sind es die Dokfilmer, die sich der Aktualität widmen, die das Land beschauen, befragen, kritisieren, sich einmischen – und damit auch international Beachtung finden. "Mir ist aufgefallen, dass ich mit Freunden stundenlang über TV-Serien debattieren konnte, nicht aber über den Sihlquai und die Roma, obwohl das ein brennendes Thema war", sagt Lareida. Da spielen sich Dramen vor der eigenen Haustüre ab, aber niemand erzählt diese Geschichten.

Da war aber auch ein Unbehagen über die eigene Zunft und ihren Umgang mit Geschichte: "Das Schweizer Spielfilmschaffen ist auf die Vergangenheit fixiert." Was nach dem Zweiten Weltkrieg passiert sei, gelange auf keine Leinwand. Brennende Themen würden vernachlässigt, wie etwa die Roma. "Aber diese Menschen sind nun mal da, ob man will oder nicht. Wir sollten jetzt über ihre Situation reden – und nicht erst in fünfzig Jahren." Eines seiner Vorbilder ist Alexander Seiler mit seinem Dokfilm Siamo Italiani aus dem Jahre 1964, der die eingewanderten Italiener, die an den Rand gedrängten Saisonniers, die "Tschinggen", in den Mittelpunkt stellte. "Damals waren es die italienischen Arbeiter auf dem Bau, heute sind es die Romni auf dem Strich. Lassen wir sie reden!"

Auf das Schicksal der jungen Prostituierten stießen Anna Maros und Men Lareida auf ihrer Pendlerstrecke zwischen Zürich und Budapest. Auch sie reisen im Wiener Walzer, zweite Klasse, Sechserabteil. Zwölf Stunden dauert die Fahrt. Über die Jahre teilten sie die Couchette vor allem mit Touristen. Bis zu dieser Nacht im Jahr 2009. "Da waren plötzlich alle diese jungen Frauen, ein Knistern war zu spüren, Sexualität", sagt Lareida. Und zurück in Zürich, sah er, auf dem Heimweg von einer Party, wie die jungen Ungarinnen am Sihlquai anschafften.

Also sprachen sie auf ihrer nächsten Zugfahrt die Frauen an. Stunden- und nächtelang hat Anna Maros ihnen von nun an zugehört. Ging es in Richtung Westen, waren die jungen Frauen noch voller Energie. In der umgekehrten Richtung war die Stimmung komplett anders: "Die Frauen waren zuerst überrascht und dann unendlich froh, dass ihnen jemand zuhörte. Sie erzählten mir endlos traurige Geschichten von Gewalt und würdeloser Behandlung durch die Zuhälter, aber auch durch Freier."

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Trotzdem, alle Prostituierten als Opfer zu sehen sei falsch, sagt Maros: "Auf der Rückfahrt sieht man zwar Wracks. Viele Frauen haben bis ans Ende ihrer Kräfte gearbeitet, manche jede Nacht und dann auch noch tagsüber." Einige seien geschlagen, vergewaltigt worden. "Aber es gibt auch Erfolgsgeschichten. Frauen, die sich mit dem für ungarische Verhältnisse fantastischen Verdienst, zurück in der Heimat, für sich und ihre Familien etwas aufbauen oder wenigstens überleben können und nicht obdachlos werden."

In den fünf Jahren, in denen sich Lareida und Maros mit dem Thema beschäftigten, veränderte sich die Szene in Zürich. Der Straßenstrich am Ufer der Limmat wurde letztes Jahr aufgehoben. Stattdessen eröffnete die Stadt in Altstetten den Strichplatz mit sogenannten Verrichtungsboxen. Und seit Alice Schwarzer in Deutschland und der Senat in Frankreich die Prostitution verbieten wollen, diskutiert man auch hierzulande über die Frage: Darf eine Frau ihren Körper für Geld auf den Markt bringen? Und darf ein Mann für Sex bezahlen?

Viktoria – A Tale of Grace and Greed trifft das Thema dieser Debatte. Für Anna Maros, die unterdessen als Gerichts- und Behördendolmetscherin arbeitet, driftet diese jedoch in die falsche Richtung: "Eine Strafe für Freier würde nur noch mehr Stress für die Frauen bedeuten." Außerdem müsse man anerkennen, dass Prostitution ein Weg aus der finanziellen Misere sein könne.

Nächste Woche feiert der Film an den Solothurner Filmtagen Weltpremiere. Viktoria zeigt mit fiktionalen Mitteln die Realität auf dem Straßenstrich. Unaufgeregt, authentisch und sehr dokumentarisch erzählt der Regisseur nun die Geschichte einer mausarmen, aber starken Frau, für die die Reise auf den Schweizer Strich zu einer Reise in die Selbstständigkeit werden sollte. Lareida beweist dabei ein gutes Gespür für Stimmungen und Tempi – und für die Wahl der Schauspieler. Es sind mehrheitlich Laiendarsteller, auch die Hauptdarstellerin Franciska Farkas, selber eine Romni. Um sie bei der Arbeit für die Rolle der Viktoria bestmöglich zu unterstützen, nahm der Regisseur selber Schauspielunterricht.

Die Geschichte zeigt den Straßenstrich aus der Sicht der Frauen. Die Haltung zur Protagonistin ist empathisch. Dazu gehört für Lareida und Maros, die Bilder zu entsexualisieren und die Gesichter der Prostituierten zu zeigen.

So drastisch und so wahrhaftig die Szenen bisweilen sind: Die Filmemacher verwechseln Mitgefühl nie mit Mitleid.

"Ob armes Negerlein oder armes Zigeunerlein: Mitleid zementiert bewusst das, was ist – ohne Absicht, daran etwas zu verändern", sagt Lareida. "Wenn man die Betroffenen hingegen stark zeigt, können neue Bilder entstehen." Die beiden haben sich in ihrer Auseinandersetzung auch an Klischees abgearbeitet. Was ist geblieben? "Kein einziges", sagt Maros.

Und so begegnen einem in diesem Film am Ende nur Menschen – die einen klug, die andern dumpf, es gibt gute Charaktere und schlechte und die ganze Welt dazwischen. Der Spielfilm, der dabei entstanden ist, hält sich an die Realität. Dazu gehört, die Prostitution wie die Roma differenziert zu zeigen. "Wir wollten", sagt Men Lareida am Holztisch im Lochergut, "keinen Opferfilm drehen. Denn vor Menschen, die man über Jahre stets als Opfer bezeichnet, verliert man den Respekt."