Trotzdem, alle Prostituierten als Opfer zu sehen sei falsch, sagt Maros: "Auf der Rückfahrt sieht man zwar Wracks. Viele Frauen haben bis ans Ende ihrer Kräfte gearbeitet, manche jede Nacht und dann auch noch tagsüber." Einige seien geschlagen, vergewaltigt worden. "Aber es gibt auch Erfolgsgeschichten. Frauen, die sich mit dem für ungarische Verhältnisse fantastischen Verdienst, zurück in der Heimat, für sich und ihre Familien etwas aufbauen oder wenigstens überleben können und nicht obdachlos werden."

In den fünf Jahren, in denen sich Lareida und Maros mit dem Thema beschäftigten, veränderte sich die Szene in Zürich. Der Straßenstrich am Ufer der Limmat wurde letztes Jahr aufgehoben. Stattdessen eröffnete die Stadt in Altstetten den Strichplatz mit sogenannten Verrichtungsboxen. Und seit Alice Schwarzer in Deutschland und der Senat in Frankreich die Prostitution verbieten wollen, diskutiert man auch hierzulande über die Frage: Darf eine Frau ihren Körper für Geld auf den Markt bringen? Und darf ein Mann für Sex bezahlen?

Viktoria – A Tale of Grace and Greed trifft das Thema dieser Debatte. Für Anna Maros, die unterdessen als Gerichts- und Behördendolmetscherin arbeitet, driftet diese jedoch in die falsche Richtung: "Eine Strafe für Freier würde nur noch mehr Stress für die Frauen bedeuten." Außerdem müsse man anerkennen, dass Prostitution ein Weg aus der finanziellen Misere sein könne.

Nächste Woche feiert der Film an den Solothurner Filmtagen Weltpremiere. Viktoria zeigt mit fiktionalen Mitteln die Realität auf dem Straßenstrich. Unaufgeregt, authentisch und sehr dokumentarisch erzählt der Regisseur nun die Geschichte einer mausarmen, aber starken Frau, für die die Reise auf den Schweizer Strich zu einer Reise in die Selbstständigkeit werden sollte. Lareida beweist dabei ein gutes Gespür für Stimmungen und Tempi – und für die Wahl der Schauspieler. Es sind mehrheitlich Laiendarsteller, auch die Hauptdarstellerin Franciska Farkas, selber eine Romni. Um sie bei der Arbeit für die Rolle der Viktoria bestmöglich zu unterstützen, nahm der Regisseur selber Schauspielunterricht.

Die Geschichte zeigt den Straßenstrich aus der Sicht der Frauen. Die Haltung zur Protagonistin ist empathisch. Dazu gehört für Lareida und Maros, die Bilder zu entsexualisieren und die Gesichter der Prostituierten zu zeigen.

So drastisch und so wahrhaftig die Szenen bisweilen sind: Die Filmemacher verwechseln Mitgefühl nie mit Mitleid.

"Ob armes Negerlein oder armes Zigeunerlein: Mitleid zementiert bewusst das, was ist – ohne Absicht, daran etwas zu verändern", sagt Lareida. "Wenn man die Betroffenen hingegen stark zeigt, können neue Bilder entstehen." Die beiden haben sich in ihrer Auseinandersetzung auch an Klischees abgearbeitet. Was ist geblieben? "Kein einziges", sagt Maros.

Und so begegnen einem in diesem Film am Ende nur Menschen – die einen klug, die andern dumpf, es gibt gute Charaktere und schlechte und die ganze Welt dazwischen. Der Spielfilm, der dabei entstanden ist, hält sich an die Realität. Dazu gehört, die Prostitution wie die Roma differenziert zu zeigen. "Wir wollten", sagt Men Lareida am Holztisch im Lochergut, "keinen Opferfilm drehen. Denn vor Menschen, die man über Jahre stets als Opfer bezeichnet, verliert man den Respekt."