DIE ZEIT: Frau Dött, der kirchenfinanzierte Medienkonzern Weltbild ist pleite. Lässt die Kirche die Mitarbeiter im Stich?

Marie-Luise Dött: Die Einzelheiten kann ich nicht beurteilen. Ich hatte aber gehofft, dass die Sanierung gelingt. Unternehmensteile wie die Verkaufsläden werden ja auch weitergeführt. Ich gehe davon aus, dass es nun so etwas wie einen Sozialplan gibt, der die betroffenen Mitarbeiter unterstützt.

ZEIT: Ist die Verantwortung der Kirche größer als bei einem anderen Eigentümer?

Dött: Jeder Eigentümer hat diese Verantwortung. Aber die Kirche muss sich daran messen lassen, was sie in ihrer Soziallehre formuliert. Sie muss Vorbild sein. Ja, insofern trägt sie besondere Verantwortung.

ZEIT: War es richtig, dass Weltbild sich von einer christlichen Zeitschrift in einen Versand christlicher Bücher und schließlich in den Versand von allem Möglichen verwandelt hat?

Dött: Lange war das Geschäftsmodell sehr erfolgreich. Vermutlich wurde der Strukturwandel durch den Onlinehandel unterschätzt.

ZEIT: Sollte die katholische Kirche überhaupt Unternehmen betreiben, die nichts mehr mit ihren Kernaufgaben zu tun haben?

Dött: Die Kirche muss sich auf ihre Kernaufgaben konzentrieren: die Verkündigung des Wortes Gottes, den Einsatz für die Armen und die Feier der Liturgie. Für die Verkündigung sind Medien und ein Verlag geeignete Mittel. Über die Grenze zum christlichen Auftrag muss man im Einzelfall entscheiden. Genau wie über die Frage, ob die Kirche selbst Träger eines Unternehmens sein muss oder ob katholische Medienunternehmer die Aufgabe übernehmen. In Frankreich gibt es mit La Croix eine katholische Tageszeitung, die von dem privatwirtschaftlichen Bayard-Verlag herausgegeben wird. Das funktioniert offensichtlich gut.

ZEIT: Der Zwang, Gewinn zu machen, führt im Buchhandel ja fast automatisch zu Bestsellern wie dem Sadomaso-Roman Shades of Grey. Kann die Kirche wirtschaftlich erfolgreich sein und sich an ihre eigenen moralischen Regeln halten?

Dött: Es wird immer Grauzonen geben. Die Kirche legt Gelder für Pensionsrückstellungen an und kauft nach ethischen Kriterien Aktien. Aber das ist kompliziert, da viele Unternehmen diversifizierte Geschäftsbereiche haben. Ein Grundsatz der ethischen Geldanlage ist, dass man Aktien noch kaufen kann, wenn drei oder fünf Prozent der Geschäfte in problematischen Bereichen stattfinden. Was ist da noch erlaubt? Fünf Prozent? Drei? Nur ein Prozent? Oder null? Dann müsste die Kirche wieder eigene Unternehmen betreiben.

ZEIT: Ist es nicht heuchlerisch, in Tendenzbetrieben den katholischen Mitarbeitern strikt nach Lehre mit Entlassung zu drohen, wenn sie sich scheiden lassen, an anderer Stelle aber locker zu agieren und eben Shades of Grey zu verkaufen?

Dött: Es ist unverzichtbar, dass die Mitarbeiter der Kirche ihre Werte leben. Weltbild hat versucht, problematische Titel aus dem Onlineversand- system herauszufiltern. Das funktioniert trotz hohen Aufwandes offensichtlich nicht zu hundert Prozent. Die Frage ist wieder: Was ist noch akzeptabel? Fünf Prozent, drei, eins oder null? Im Erzbistum Hamburg wurde die Frage gestellt: Darf ein Katholik bei Airbus arbeiten, oder muss die Kirche die Katholiken dort zur Kündigung auffordern, weil Airbus auch eine Rüstungssparte hat?

ZEIT: Heiligt der Zweck, Geld zu verdienen, die Mittel?

Dött: Natürlich nicht. Die Frage, wie ich mein Geld verdiene, ist genauso wichtig wie die Frage, wie ich es ausgebe. Aber: Soll die Kirche die Kirchensteuern von Airbus-Angestellten ablehnen? Ich fürchte, was immer wir tun in dieser Welt, wir werden uns Beulen holen, wie Papst Franziskus es formuliert hat.

ZEIT: Was sagt der Vatikan noch zu dem Thema?

Dött: Der Päpstliche Rat für Gerechtigkeit und Frieden hat in seinem Dokument Zum Unternehmer berufen! wichtige Prinzipien formuliert. Eines besagt, dass Unternehmen Güter produzieren sollen, die wirklich gut sind, und Dienstleistungen anbieten sollen, die wirklich dienen.

ZEIT: Haben die Bistümer genug ökonomischen Sachverstand?

Dött: Es gibt dort viele sachkundige Mitarbeiter, die sich teils vorher in der Privatwirtschaft bewährt haben. Ich habe aber auch erlebt, dass engagierte katholische Unternehmer ihren Sachverstand angeboten haben, aber nicht willkommen waren.

ZEIT: Ihre Kirche hat im Jahr 2013 durch ihre intransparente Finanzpolitik stark an Glaubwürdigkeit eingebüßt. Viele Katholiken sind enttäuscht. Sie auch?

Dött: Zuerst war ich schon enttäuscht. Die Kommunikation der Kirche in der Krise hätte besser sein können. Im zweiten Schritt ist aber vieles umsichtig gemacht worden. Es ist nun einiges auf dem richtigen Weg.