Haltlose Banker und Börsenspekulanten haben im letzten Jahrzehnt die halbe Welt ins Unglück gestürzt, Banken in den Bankrott, Anleger in den Ruin getrieben. Darf man mit ihnen lachen und leiden? Lässt sich ihr trunkenes Treiben und Protzen in ein Schelmenstück verwandeln, als Märchen verfehlter Sehnsüchte begreifen? Martin Scorseses Film über Aufstieg und Untergang des Aktienmaklers Jordan Belfort, ziemlich getreu nach dessen Autobiografie erzählt, hat in Amerika lebhafte Proteste provoziert. Namentlich die Tochter eines seiner Mittäter, die Zehntausende von Kleinkunden um ihr Erspartes brachten, empörte sich über die Verharmlosung, wenn nicht Verherrlichung des kriminellen Reigens, der sich bei Scorsese vor allem als Party-, Sex- und Drogenexzess entfaltet.

Und in der Tat. Der große Regisseur, den am Verbrechen schon immer der Rausch, das Segeln über dem Abgrund, die trügerische Leichtigkeit interessierten, lässt auch hier seinen Helden in einer wunderbaren Wolke, in Schäumen von Geld und Frauen, in bunten Drogennebeln über einer brutalen Geschäftswirklichkeit schweben, die mitgedacht werden muss, vom Film aber nicht mitgezeigt wird. Die überwältigend gute Laune Leonardo DiCaprios, der hier den smartesten aller Betrüger spielt, reißt den Zuschauer mit, man kann es nicht anders sagen. Identifiziert man sich und fiebert regelrecht mit ihm? Das ist nicht leicht zu beantworten. Zumindest die physische Präsenz DiCaprios ist so stark, dass man am Ende des Films selber meint, entschieden zu viele Pillen geschluckt zu haben, um sich zu betäuben, und entschieden zu viel gekokst, um wieder wach zu werden. Man taumelt aus dem Kino mit dem Gefühl, sich im Laufe der drei exzessiven Stunden selbst in ein gründlich verkommenes Subjekt verwandelt zu haben.

Nein, Identifikation oder gar Billigung dieses Lebenswegs ist es nicht, jedenfalls nicht exakt, worauf dieser Film hinauswill. Scorsese lockt uns eher, wie schon in Goodfellas und Casino, auf den Pfad der Sünde, damit wir einmal miterleben, wie sich der leichte Griff nach Millionen anfühlt. Er spielt auf der Klaviatur der Süchte und Sehnsüchte, bis er die Taste erwischt, die zu bedenkenlosem Mittun verführen könnte.

Es ist, darin liegt die Pointe des neuen Films, zugleich die allgemeine Klaviatur des Marketings. Es ist jener unheimliche Geist des Verkaufens, des Aufschwatzens und Einredens, typisch nicht nur für Amerika, aber dort fast so etwas wie ein Ideal, im Geschäftsleben wie in der Politik. Erfolg ist emotionale Mobilmachung, Enthemmung, freier Flug über alle Hindernisse hinweg, und zu diesen Hindernissen gehören, selbstverständlich, auch die Gesetze und moralischen Alltagsskrupel. Man muss diesen Jordan Belfort erlebt haben, wie ihn DiCaprio spielt und wie er brave Angestellte in gierige Monster des Verkaufens verwandelt, ein Einpeitscher, bedrohlich, mitreißend, strahlend. In einer Szene werden, zu Zwecken des Motivationstrainings, Liliputaner angeheuert, um sie als lebende Dartpfeile auf Zielscheiben zu schleudern. Sie tragen Schutzhelme und wattierte Overalls, aber es ist auch klar, was sie repräsentieren: den Kunden nämlich, der, seinerseits gänzlich unwattiert, zum Zielschießen auf den höchsten Profit missbraucht wird. Wer trifft mit diesem Zwerg, dem Kunden, am sichersten ins Schwarze? Großes Gelächter im Büro, Allmachtstaumel, anschließend Gratisversorgung der erschöpften Sportler mit Prostituierten, Kokain und Alkohol.

Das ungefähr ist die Welt, in die sich der Zuschauer von Scorseses The Wolf of Wallstreet einleben und einfühlen soll, der Titel ist direkt von Belforts Autobiografie übernommen, und wölfisch zumindest sind die Gier und das kollektive Geheul. Der Zuschauer soll ein Stück mitheulen, soll den Verkäufer in sich entdecken, und im Verkäufer den Verbrecher, im Verbrechen aber schließlich die große Erschöpfung, jenes Ausgelaugtsein, das nur noch mit Drogen ertragen werden kann. Gegen die US-Kritik ließe sich sagen, dass der Film zwar verherrliche, aber nicht verharmlose. Er verkleinert nicht. Er vergrößert, bis sich das Monströse entbirgt. Am Ende ist der Zuschauer dankbar, dass der Held stürzt und der Höllenspuk ein Ende hat.

Er ist aber auch, das sei nicht verschwiegen, ganz einverstanden damit, dass die Strafe nicht über ein paar Jahre Gefängnis und den Verlust des Vermögens hinausgeht. Auch das mag dem Film den Vorwurf des Zynismus eingetragen haben. Warum geht er nicht härter mit dem Betrüger um? Die entscheidende Gegenfrage lautet indes: Warum sollte der Film mit ihm härter umgehen, als es die Justiz in der Wirklichkeit getan hat? Es ist ja Jordan Belfort wirklich nur zu drei Jahren verurteilt worden, ungeachtet der Geschädigten, die bis heute auf ihr Geld warten. Es sind ja überhaupt all die Börsianer und Banker, auch die weit größeren Bösewichter, kaum nennenswert belangt, manche im Gegenteil für den Verlust ihres Postens hoch entschädigt worden. Ist es Aufgabe der Kunst, Gerechtigkeit zu schaffen, wo Staat und Gesellschaft keine Gerechtigkeit setzen? Wäre es nicht Heuchelei, im Kunstraum für eine moralische Beruhigung des Skandals zu sorgen, der sich draußen ungehemmt entfalten kann?