DIE ZEIT: Evan Eichler, Ihre Kollegen erzählen, Sie hätten im ganzen Leben nur ein einziges echtes Experiment gemacht, als Schüler in der 10. Klasse.

Evan Eichler: Das ist wirklich wahr. Ich habe Angorakaninchen gezüchtet, für meine Mutter. Als Künstlerin macht sie Musik, malt – und strickt mit Angorawolle. Wir haben die Tiere selbst gehalten. Aber meine Mutter weigerte sich, die Wolle zu färben. Bloß keine Chemie! Also konnte sie nur weiße oder schwarze Pullis stricken.

ZEIT: Etwas eintönig vielleicht.

Eichler: Öde! Also habe ich mir ein Genetiklehrbuch genommen und die Tiere gekreuzt. Man muss die Gene gar nicht kennen, um verschiedene Fellfarben zu erhalten. Für meine Mutter war das reine Magie. Ich sagte ihr: Mit dieser Kreuzung sollten in jedem Wurf 25 Prozent schokoladenbraune Junge zur Welt kommen. Und genau so kam es. Ich sagte: Das ist simple Mathematik, Ma. Mendel hat recht! Meine Mutter war echt schockiert.

ZEIT: Wie viele Farben gab es am Ende?

Eichler: Ach, vielleicht 15? Aber ich hatte gesehen, welche Macht in diesem Wissen steckt. Da beschloss ich, Genetiker zu werden.

ZEIT: Heute züchten Genetiker nicht mehr. Die betreiben eine industrielle Informationswissenschaft.

Eichler: Wir erleben einen Wendepunkt. Wir können nun das Erbgut jedes einzelnen Menschen entziffern, sehr schnell und zu vernünftigen Kosten. Und wir können all die genetischen Variationen in den Genomen der Menschen verstehen, erstaunlich! Das hätte ich mir vor fünf Jahren nicht vorstellen können.

Der genetische Code wird Teil der Krankenakte

ZEIT: Schön für die Genforscher. Aber dem Normalbürger hilft das kaum.

Eichler: Irrtum! In zehn Jahren wird das ein alltäglicher Teil unserer medizinischen Grundversorgung sein. Überlegen Sie mal: Sie wollen mit jemandem Kinder haben. Sie kennen die eigenen Mutationen. Auch wenn diese nur bei zwei Prozent der Bevölkerung vorkommen, werden Sie wissen wollen, ob Ihr Partner dieselben Defekte hat, denn dann könnten Ihre Kinder schwer krank sein. Genetische Informationen werden in der Partnerwahl zu einem Teil der Gleichung.

ZEIT: Aber jeder Mensch vererbt irgendwelche Defekte an seine Kinder ...

Eichler: ... und ob. Nach unserer Einschätzung findet man in den Erbanlagen jedes einzelnen Menschen durchschnittlich hundert total defekte Gene. Zum Glück gibt es genug Gene und Variationen in der Bevölkerung, sodass gesunde Kinder entstehen. Jedes Chromosom doppelt zu besitzen, das ist eine gute Versicherung.

ZEIT: Glauben Sie ernsthaft, dass sich alle Menschen sequenzieren lassen?

Eichler: Am Anfang werden es Leute machen, die es sich leisten können. Oder deren Versicherung das bezahlt. Und es wird zuerst in Ländern eingeführt werden, in denen die Bürger den Wert der präventiven Medizin erkannt haben. Wenn die Kenntnis des Genoms es ermöglicht, ein gesundes Leben zu führen, dann verbessert das die Lebensqualität und entlastet das Gesundheitssystem. Der genetische Code wird einfach Teil der Krankenakte werden, die uns das ganze Leben lang begleitet. Der Hausarzt wird die Sequenzdaten genauso selbstverständlich benutzen wie alle anderen medizinischen Daten.

ZEIT: Das mag helfen, wenn jemand bereits erkrankt ist, vielleicht an einem seltenen oder bislang gänzlich unbekannten Leiden. Aber was soll es gegen eine Krankheit ausrichten, die erst in zehn Jahren eintritt?

Eichler: Wir können Krankheit nicht abschaffen. Aber es sind schon viele Gendefekte bekannt. Und wenn Zwanzigjährige wüssten, dass mit 45 ihr Bluthochdruckrisiko viel höher ist, ich wette, viele würden ihr Verhalten ändern. Weil sie so gesünder und vielleicht auch zehn, zwölf Jahre länger leben könnten. Ich würde das tun.

Mit Mitte fünfzig spürt man, dass es abwärts geht. Aber dann ist es zu spät, um etwas zu ändern.
Evan Eichler, Genetiker

ZEIT: Oder Sie würden in ständiger Angst vor einem Herzinfarkt leben, der nie kommt ...

Eichler: Wir leben in der Illusion, dass unsere Gene in Ordnung sind. Wenn man jung ist, fühlt man sich unsterblich. Mit Mitte fünfzig spürt man, dass es abwärts geht. Aber dann ist es zu spät, um etwas zu ändern.