Als Maria Mitchell am Abend des 1. Oktober 1847 ihre Jacke überstreift und durch eine Luke auf das Dach ihres Elternhauses klettert, ist der Himmel sternenklar. Kein Baum versperrt ihr die Sicht, keine Wolke schiebt sich durch die Nacht. Sie hat ihr Fernrohr in der Hand, ein einfaches Refraktorteleskop aus Messing, 70-Millimeter-Objektiv. Wahrscheinlich hört sie von hier oben das Meer rauschen, wahrscheinlich sieht sie den Leuchtturm am Strand. Maria Mitchell wohnt auf einer Insel im Atlantik, südlich von Boston. Die Ureinwohner, die hier lebten, gaben der Insel den Namen Nantucket, "weit entferntes Land". Von Maria Mitchells Dach bis zum nächsten Festlandhafen sind es 50 Kilometer. Im Osten kommt nur noch Wasser, 5000 Kilometer Atlantischer Ozean. Dann irgendwann Portugal.

Die Farben dieser Insel sind so bleich, als hätte die Gischt sie ausgewaschen: aschgraue Strände, blassgelbe Dünen, grau geschindelte Häuser. "Die Insel ist so flach und eintönig, dass einem nichts übrig bleibt, als den Himmel anzugucken", schrieb Maria in ihr Tagebuch. Damals gab es hier keine Bäume und keine Straßenlaternen. Ein ideales Observatorium.

Kurz vor halb elf schwenkt Maria Mitchell ihr Fernrohr in Richtung Norden und entdeckt einen Stern, der dort nicht hingehört. Ein schwacher Lichtpunkt nahe am Nordpol, fünf Grad über dem Polarstern. Mitchell notiert die Position des Sterns und ahnt etwas. Eine Nacht später ist sie sicher: Der Lichtpunkt hat sich bewegt. Er ist kein Stern, er ist ein Komet. Einer, den noch keines Menschen Auge gesehen hat.

Kometensuchen ist unter Wissenschaftlern des 19. Jahrhunderts eine Art Sport: Nur wer den Sternenhimmel ganz genau kennt, wer ihn Nacht für Nacht und Quadrant für Quadrant im Blick hat, ist in der Lage, neue Kometen aufzuspüren. Für die Entdeckung teleskopischer Kometen, also solcher, die mit bloßem Auge nicht zu erkennen sind, werden im 19. Jahrhundert Preise ausgelobt, weltweit. Dass eine junge Frau aus Nantucket einen Kometen findet, ist eine Sensation. Etwa so, als würde eine Hobbyforscherin aus Spiekeroog den Nobelpreis für Physik bekommen.

Zu modernen Teleskopen haben Frauen keinen Zutritt

Als Astronomen in Europa von "Miss Mitchells Comet" hören, schicken sie Glückwünsche. Der dänische König verleiht Maria eine Goldmedaille im Wert von 20 Dukaten. Die American Academy of Arts and Sciences nimmt sie als Mitglied auf – als erste Frau. Touristen reisen an, um Maria Mitchell, der berühmten Astronomin, die Hand zu schütteln.

Mitchell ist damals 29 Jahre alt. Sie ist gebildet, war aber nie an einer Universität. Frauen dürfen damals nicht studieren. Sie dürfen Bücher lesen, sie dürfen auch ins All gucken, aber sie sollen dabei zu Hause bleiben. Zu den Observatorien der berühmten Universitäten und Gesellschaften, dort, wo die modernsten Teleskope stehen, haben Frauen keinen Zutritt. Wenn sie trotzdem forschen, Labore, Hörsäle und Sternwarten von innen sehen wollen, brauchen sie Männer, die ihnen Zugang verschaffen. Oder sie werden selbst zum Mann.

Anfang des 19. Jahrhunderts schickte die französische Mathematikerin Sophie Germain ihre Arbeiten zur Zahlentheorie an Carl Friedrich Gauß – unter einem männlichen Pseudonym. Anfang des 20. Jahrhunderts verkleidete sich die deutsche Chemikerin Ida Noddack als Mann, um Vorlesungen zu besuchen, die für Frauen nicht zugelassen waren. Andere Wissenschaftlerinnen assistierten ihren Brüdern oder Ehemännern. Die Astronomin Caroline Herschel fand so ihren Weg in die Wissenschaft, ebenso Marie Curie. Die allermeisten Frauen aber konnten ihren Wissensdurst nie stillen. "Denn du bist nur eine Frau", bekamen sie tausendfach zu hören. Sie blieben namenlos.