Der italienische Philosoph und Wahlberliner Francesco Masci hat in seinem demnächst auch auf Deutsch erscheinenden Buch über Berlin die Stadt zum Vorposten der Zukunft erklärt: Die Kultur sei in ihr absolut geworden, Politik und Geschichte werden von messianischen Events verdrängt, auf die man hinfiebert und die man anschließend sofort vergisst. Das Individuum bezieht aus ihnen den flüchtigen Inhalt seiner leeren Autonomie, der anbrandende Revolten- und Kreativitätstourismus genießt sie als folgenlose Folklore des avantgardistischen Dissenses. Wer die Menge der Schaulustigen auf sich wirken lässt, die sich zur Modewoche im Defileezelt am Brandenburger Tor, auf der Messe im Flughafen Tempelhof, in den Showrooms und auf den Partys einfinden, möchte Masci recht geben.

Die Fiktionen zeitgeistiger Renitenz sind vor allem in den Metamorphosen des Stylings sichtbar, die dank sozialer Netzseiten rasant beschleunigt werden. "Die sind alle verbloggt", konstatiert meine Begleiterin im Cookies-Klub angesichts der accessoirebehangenen Nachtschwärmer in dekorativen Posen. Die phrygische Skatermütze von gestern ist durch ein zierlich auf dem Haupt thronendes Strickbaiser ersetzt worden. Der gepflegte Vollbart hat einem hingehauchten Errol-Flynn-Schnauzer das Feld geräumt; der keimende Trend ist wildes Gestrüpp. Taliban-Bart tauft es in der Bar Tausend ein Professor aus Oakland: "In Berkeley tragen den jetzt alle." Später im Borchardt ein Hauch von 1A-33, dem nach Berlins einstigem Autokennzeichen benannten Vintageparfum. Blutjunge Models, die ihre Aufregung nur schwer verbergen können, sind wie Femmes fatales geschminkt, doch das schlichte Schwarz der Kleider setzt ihren makellosen Backfischteint anrührend ins Licht. Magnetisch angezogen, wandern die Blicke zu ihnen hinüber. Nur der Oberkellner ist so frei und setzt sich als Hahn im Korb an ihren Tisch.

Undenkbar ist so eine Szene im Einstein Unter den Linden, wo der Lunch-Betrieb gegen 13 Uhr seinen Siedepunkt erreicht. Auf einer Woge zielstrebiger Hektik wird der Gast über die Schwelle getragen, Augen richten sich auf ihn, Elektrizität liegt in der Luft, Kaffeedampf, Gerüche, ein Labyrinth ineinander verkeilter Tische und Stühle erschwert den Parcours. In den hinteren Räumen serviert man den Stammgästen aus Politik und Presse üppige Flugentenschenkel mit Rotkohl und Knödeln. Anzüge überall, fehlte nicht der Cohiba-Rauch und wäre da nicht das allgegenwärtige demokratische Grau, man möchte sich in einem Herrenklub des British Empire wähnen. Die Tische sind nicht groß und nahe aneinandergerückt, die Gespräche gehen leise vor sich, hin und wieder flackern Begrüßungen wie Elmsfeuer durch den Raum. Man kennt sich, schnappt Neuigkeiten auf, genießt die gegenseitige Existenz. Mit Mascis "Königreich der Ereignisse" ist hier kein Staat zu machen, hier wird die Wirklichkeit geschmiedet, die morgen in den aushängenden Blättern steht. "Als Michelle Pfeiffer in Scarface in den gläsernen Fahrstuhl steigt", sagt mein Gegenüber dann plötzlich mit andächtig versagender Stimme ins weiße Rauschen hinein, "ich meine, wir Jungs waren uns nicht sicher, ob wir bis zum Ende der Vorstellung durchhalten würden."

Nicht weit vom Einstein ist Nico Rosberg eben in den Fahrstuhl des China Club gestiegen. Er hat sich als Markenbotschafter mit allen erdenklichen Damen und Herren des Modeestablishments ablichten lassen, auf Kommando lächelnd Fernsehinterviews gegeben und möchte nun wirklich weg aus dieser 1A-33-Welt, in der man schon zum Frühstück Champagner trinkt und sich nicht erst nach vollbrachter Tat damit übergießt.