Nein, es war nicht zu erwarten gewesen, dass er Kimono und Geisha-Make-up zu langen Dreadlocks tragen würde wie damals, als er mit der Band Culture Club auftrat. Die legere Jeans, die Hip-Hop-Mütze und der kurz getrimmte Bart überraschen aber dann doch etwas. Boy George ist sichtlich guter Dinge beim Treffen im Soho Club in Berlin. In den Klatschzeitungen konnte man von Diäten und Work-outs lesen, die Taille ist schlank, und clean ist er auch, nach einem Vierteljahrhundert voller Skandale. Seit Mitte der achtziger Jahre war der britische Star immer mal wieder wegen Heroin in Schwierigkeiten, 2006 putzte er nach einer Verurteilung wegen Kokainbesitzes die Straßen von New York, und 2009 verbrachte er einige Monate in einem britischen Gefängnis wegen Gewalttätigkeit im Drogenrausch.

Natürlich darf man im Interview dazu keine Fragen stellen. Braucht man auch nicht, denn die Comeback-Single Will I Be King Again handelt genau davon: vom Abstürzen und vom Sich-wieder-Aufrappeln. Die hallige Britpop-Gitarre steckt den Raum ab, dann setzt diese biegsame, weiße Soul-Stimme ein, die klingt wie vor zwei Jahrzehnten: "Hör auf zu saufen!" Und der Refrain fragt kokett: "Was sagt man auf der Straße? Habe ich die Krone verloren? Werde ich wieder König sein?"

Keine Ahnung, ob Boy George, reizendster unter den androgynen Prinzen der Achtziger, noch mal ein König des Pop wird, mit seinen 52 Jahren. Muss er aber auch nicht. Sein Album This Is What I Do ist in jedem Fall eine Sensation. Weil es ein souveränes, gut gelauntes, tiefenentspanntes, schönes Stück Pop ist, das einem die tröstliche Botschaft bringt, dass manchmal auch die größten Lebensverknotungen mit einem groovenden Bläsersatz und einem euphorischen Hintergrundchor ausgehen können, also gut.

Als George Alan O’Dowd, dritter Sohn einer irisch-katholischen Familie aus einem Londoner Vorort, unter dem Namen Boy George als Sänger der Band Culture Club berühmt wurde, 50 Millionen Platten verkaufte und mit seinen extravaganten Transgender-Outfits den britischen Mainstream durcheinanderwirbelte, war er gerade einmal 22 Jahre alt. "Das war extrem, es ging so schnell, wenn ich zurückblicke, ist alles wie hinter einem Schleier", sagt er. "Vielleicht habe ich das nur überlebt, weil ich es gar nicht wirklich wahrgenommen habe. Meine Träume verwirklichten sich, ich war wie auf Autopilot, machte immer weiter, bis ich schließlich auseinanderfiel. Heute fühlt es sich ein bisschen an, als wäre es gar nicht passiert."

Die letzten zwanzig Jahre hat er vor allem als DJ gearbeitet, eine zweite Karriere, die ihm ganz gut zupasskam: "Mit Culture Club war ich extrem den Blicken der Öffentlichkeit ausgesetzt gewesen. Als DJ dagegen konnte ich unter dem Radar bleiben, ich musste mich nicht erklären, mich nicht promoten. Die Welt der Clubs ist ein Paralleluniversum. Manchmal kamen die Leute zu mir und sagten: Aber du bist nicht der Boy George, oder?"

Dabei ist es kein geringer Verdienst, der Boy George zu sein. Natürlich, jemand wie David Bowie hatte das Spiel mit den Geschlechtern schon in den siebziger Jahren populär gemacht. Aber Boy George war offen schwul, von Anfang an. Seine exzentrischen Outfits hatten identitätspolitische Sprengkraft, weil sie von selbstbestimmten Lebensentwürfen handelten statt von Marketing. Als Popstar brachte Boy George in den Mainstream, was Performance-Künstler wie Leigh Bowery – dessen Konterfei er heute als Tätowierung auf dem Arm trägt – im Untergrund probierten: die Selbstinszenierung als Kunstwerk. "Vielleicht war es unbewusst, aber ich hatte damals klare Vorstellungen, es ging um die Liberalisierung der Gesellschaft. Die habe ich heute noch. Nur dass ich in der Zwischenzeit meinen ›Om‹-Knopf gefunden habe. Ich kann das jetzt einfach viel entspannter ausdrücken", sagt er.

Musikalisch übersetzt sich das Yoga-Om in den neuen Songs in viel Reggae und Dub, den unter anderem der Simply-Red-Schlagzeuger Richie Stevens mit zusammengeschraubt hat. Aber nicht nur: "Das Album soll eine Hommage an die siebziger Jahre sein. Man identifiziert mich zwar immer mit den Achtzigern, aber geprägt haben mich die Siebziger. Das war so ein großartiges Jahrzehnt, alles stand nebeneinander, Punk Rock, Reggae, Ska, Disco ..."

Als er ins Studio ging, hatte Boy George noch nicht einmal einen Plattenvertrag: "Es gab nicht den geringsten Druck. Ich habe noch nie so gern an etwas gearbeitet." Und so klingt es auch. Der versierte Club-DJ erlaubt sich hemmungslosen analogen Eklektizismus, und man spürt in jedem Song, wie viel Spaß er daran hatte, die Pathosformeln des Pop durchzuspielen, sich verspulter Psychedelik oder Gitarrenkrachen hinzugeben, um dann wieder die Soul-Queen auszupacken. "Früher waren Studiosessions und Auftritte immer der reine Stress für mich. Jetzt habe ich bei ein paar kleinen Clubkonzerten auf der Bühne gestanden und zum ersten Mal die Musik wirklich genossen. Ich dachte nur: Gute Band! Super Bläser!"

Was er getragen hat bei diesen Auftritten? "Ach, da habe ich mir keine großen Gedanken gemacht. Hüte natürlich, mein Markenzeichen, und ein Glitzer-Make-up. Aber ansonsten schlüpfe ich einfach in das, was gerade sauber ist. Wissen Sie, ich bin nicht eitel", sagt er und grinst sich einen Kranz Lachfältchen ins Gesicht. Schade fast, dass die in den aktuellen Promotion-Fotos und Videos größtenteils dem glättenden Photoshop zum Opfer gefallen sind. Ein Drama-König wie dieser wird durch die Zeichen gelebten Lebens nur glaubwürdiger.