Chaussy bittet die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe um Auskunft, aber die Behörde erscheint so undurchsichtig wie Kafkas Schloss, und die Herrschaften darin benehmen sich auch so: arrogant, unberechenbar und von oben herab. Meisterhaft dagegen ist ihr Talent, journalistische Anfragen auf dem Dienstweg verschimmeln zu lassen. Im Film dauert es eine halbe Ewigkeit, bis Chaussy erfährt, dass sämtliche Asservate vom Oktoberfest-Attentat vernichtet wurden. Sämtliche Beweisstücke des größten Einzelattentats in der Geschichte der Bundesrepublik? Ja, alle. Doch wer hat dies angeordnet, und welche politischen Interessen stecken dahinter? (Vergleiche auch Chaussys Buch über das Oktoberfest-Attentat, das dieser Tage in einer Neuauflage im Ch. Links Verlag erscheint.)

Regie und Bildsprache des Film sind gutmütig und konventionell, doch zum Glück schadet das seiner Sache nicht. Ohnehin kann Der blinde Fleck auf künstliche Aromastoffe verzichten, denn er emotionalisiert durch seine Kühle; schon die Fakten selbst sind polemisch und lassen den Zuschauer hilflos empört zurück. Eine gefährliche Nebenwirkung sollte allerdings nicht verschwiegen werden: Der blinde Fleck ist in keiner Weise geeignet, das Vertrauen in den Rechtsstaat zu fördern und den Bürger volkspädagogisch zu ertüchtigen. Schon damals zeigten sich für Chaussy dieselben Muster wie beim NSU-Prozess: Die Hüter der Verfassung lieben das Dunkle und fühlen sich als "tiefer Staat", als Arkanum der Macht. Dass der Verfassungsschutz rechte Gewalttäter nachlässiger ins Visier nimmt als linke Staatshasser, ist nur eine Vermutung, aber bei Chaussy spricht manches dafür. Nicht ausgeschlossen, dass sich Verfassungsschützer darin von Politikern ermutigt fühlten. Einmal schnaubt Franz Josef Strauß ("Freiheit oder Sozialismus") ungebremst ins Mikrofon: "Ihr (Linken) wärt die besten Schüler von Dr. Joseph Goebbels gewesen. Ihr wärt die besten Anhänger Himmlers gewesen! Ihr seid die besten Nazis, die es je gegeben hat!"