Den Begriff für diesen langen Theaterabend hat Rilke geprägt. In seiner ersten Duineser Elegie schreibt er vom "erschrockenen Raum", in dem die griechische Mythologie stattfindet. Also dann: auf in den erschrockenen Raum, das Hamburger Schauspielhaus ist wieder offen!

Die Rasenden als Projekt – das ist der sechseinhalbstündige Versuch, einen Mordfluch szenisch zu verfolgen auf dem Blitzweg, den er durch die Familie der Artriden schlägt, von Generation zu Generation: Tantalos provozierte die Götter mit einem Sohnesmord, woraufhin die Götter sein ganzes Geschlecht bestrafen, sodass nun Männer die Kinder ihrer Brüder, Väter ihre Töchter, Frauen ihre Männer ermorden und am Ende Orest seine Mutter Klytaimnestra umbringt, womit die Racheraserei endet, denn Orest wird seinerseits nicht ermordet, sondern: freigesprochen. Die Rasenden auf der Bühne – das ist eine Essenz aus Figuren, Motiven und Textbausteinen, die das Deutungskonsortium des Abends, Karin Beier und ihre Dramaturgin Rita Thiele, gesiebt und gewonnen hat aus Dramen von Euripides (Iphigenie in Aulis und Die Troerinnen, Letztere in der Bearbeitung von Jean-Paul Sartre), Aischylos (Agamemnon und Die Eumeniden) und Hugo von Hofmannsthal (Elektra). Wobei man den Eindruck hat, die Content-Beauftragten der volk- und materialreichen Aufführung hätten viel mehr gesiebt als gewonnen, es ist ihnen von dem heißen Material, das sie, dargebracht mit allen Regiefeinheiten und -stereotypen des modernen Theaters, im Bühnengegenlicht durch ihre Finger hatten laufen lassen, nicht viel mehr geblieben als das, was am Ende der arme, an den Komiker Michael Mittermaier erinnernde Hamburger Orest (Carlo Ljubek) im Abgehen voll Hohn vor sich hin spricht: "Wie leer das alles ist ... grenzenlose Leere." Der Freispruch Orests ist in Karin Beiers Inszenierung nicht nur der Schlusspunkt, sondern auch der traurigste Moment: Die Macht der Götter endet, wir sind aus ihrer Gewalt entlassen, nun wir sind allein mit der Gewalt in uns selbst.

Die am aufwendigsten zelebrierte Tat des Abends ist der Mord Klytaimnestras an ihrem Ehemann, dem Feldherrn Agamemnon. Täterin und Opfer, Mordschlag und blutender Schädel sind dabei, wie bei Filmdreharbeiten, voneinander völlig getrennt, der Schlag fällt weitab vom Opfer. Eine technisch raffinierte Szene "epischen" Spielens: Eine Tat wird zerlegt in ihre Griffe. Und während die Königin im Bühnenhintergrund immer noch ihren König schlachtet, mit lüsternen Schlägen ins Leere wütend, da diskutieren im Vordergrund drei Bürger bereits die Folgen des Mordes für die Nachwelt. Bilanz der Konferenz: Der Mord ist egal. Wenn Agamemnon weg ist, kommt halt ein anderer. Der Wortführer spricht: "Ich kann mich immer nicht entscheiden: Soll ich mich freuen oder trauern?" Die drei Bürgerkomiker, gespielt von Gustav Peter Wöhler, Michael Wittenborn und Joachim Meyerhoff, sind offensichtlich unsere Stellvertreter auf der Bühne, das unschlüssige, nichts begreifende, sich raushaltende Volk: Wegseher, Zuspätdenker, Hinterherplapperer.

Es sind drei pullovertragende Wiedergänger der berühmten "Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen"-Affen, deren Lautester, Joachim Meyerhoff, zwischendurch erklärt, dass wir alle gar keine Tragödie vorgespielt kriegen müssen, da wir genau wüssten, wo die wahren Tragödien stattfinden – nämlich in den Fluten des Mittelmeers, wo afrikanische Bootsflüchtlinge ertrinken, die zu uns wollen. Das hindert den Bürger aber nicht daran, immerzu von den Köstlichkeiten zu knabbern, die am linken Bühnenrand in einer edelstahlblitzenden Küche dampfend zubereitet werden. Der Agamemnon handelt vom luxuriösen Leben, das sich im Kriegshinterland entwickelt hat, und der Spielort ist eine Mischung aus Rotlichtbar (hinten links dreht sich eine Stripperstange), Schlachthaus (hinten rechts sieht man einen riesigen Kühlschrank, worin Schweinehälften baumeln) und Eventgastronomie. Rhythmisch schnippelnd, bereiten zwei Köche Gemüse zu, rhythmisch kauend, wiegen sich Bürger in den weichen Hüften, und wenn Kassandra heult: "es riecht nach Mord!", so weisen sie sie mampfend zurecht, hier rieche es immer so, und das sei ein guter Geruch.

Nur in dieser Phase der Rasenden merkt man der Produktion an, dass sie ihrer Sache sicher ist: in der höhnischen Satire auf die Stumpfheit der Heutigen. Wenn aber Krieg, Drama, Eifersucht, Hass, Rache gezeigt werden sollen, werden Effektmaschinen angeworfen, Geschmacksverstärker zugemischt, Menschenmassen losgelassen. Gespielt wird nach dem Prinzip: Macht es wuchtig, dann ist es wichtig.

Diese Uraufführung ist ein wenig so, als werde ein großes, altes Museum nach trostloser Renovierungszeit endlich wieder eröffnet: In einer langen Museumsnacht drängt das Verschlossene ans Licht, und es ist es auch die Stunde der Museumspädagogen und -didaktiker. So lange war das Haus zu, jetzt dürfen wir uns keinen Besucher mehr entgehen lassen. Es wird in allen denkbaren Stilen gespielt, die das Theater in den letzten Jahren so entwickelt hat. Das Ensemble Resonanz trägt den Trojanischen Krieg als eine Schlacht der Streicher mit spitzen Bogenstrichen und schnappenden Atemzügen aus, was damit endet, dass Steine vom Himmel regnen, von welchen die Musiker erschlagen werden. Da aus einer Tragödie stets der Raum für die nächste erwächst, spielt auf dem vom Himmel gefallenen Gestein dann die folgende Etappe – Die Troerinnen. Hofmannsthals Elektra entwickelt sich anschließend zur schaurigen, stummfilmdunklen Videokonferenz zwischen der Mutter Klytaimnestra (Maria Schrader) und ihrer racheverhexten Tochter Elektra (Birgit Minichmayr), an deren Ende der rächende Orest Brust und Halsschlagader der Mutter leckt, ehe er sie ermordet: Grüße gehen an den lieben Ödipus, der heute Abend leider nicht hier sein kann.

Immer wieder sprechen heutige Stimmen wie moderierend aus dem alten Text zu uns heraus, holen ihre Kundschaft, wie Medienleute gern sagen, dort ab, wo sie stehen, verbünden sich mit den wohlmeinenden Unwissenden im Publikum gegen den antiken Stoff, augenzwinkernd also wird gesagt: Wozu die langen Worte, ich weiß auch nicht, worum’s hier geht, wir spielen jetzt Klartext. Und so spricht die schöne Helena (Angelika Richter), welche der Anlass des Krieges ist, kokett ins Parkett: "Ich bin das Opfer in dieser Geschichte. Aphrodite hat mich voll reingelegt."