Der peinlichste Moment meines Lebens ereignete sich in einer Bibliothek. Ich stand an dem Schalter, an dem man die Bücher ausleihen konnte, als ich ein bekanntes Gesicht bemerkte: Thomas, unser neuer Mitschüler in der 8a. Ein cooler Typ mit wilden Locken und zerrissenen Jeans. Gitarre spielte er auch noch.

Wortlos schaute er auf die Bücher, die ich ausleihen wollte. Ich erstarrte und bekam rote Ohren. Etwa 30 Stück stapelten sich vor mir – meine Leseration für einen Monat. Darunter peinlicherweise auch mehrere Bände von Hanni und Nanni. Was sollte Thomas jetzt von mir denken? Bestimmt, dass ich uncool bin, weil ich solche Mädchenbücher lese!

Genau diese Szene hätte auch in einem Hanni und Nanni- Buch stehen können. Die berühmten Zwillingsschwestern geraten nämlich dauernd in knifflige Situationen: Ihre Eltern wollen sie als Zwölfjährige auf ein Internat schicken, das ihnen nicht passt. Die neuen Mitschülerinnen rotten sich gegen sie zusammen. Die Französischlehrerin gibt ihnen schlechte Noten. Doch am Ende lösen sie alle Probleme – und das ohne Hilfe von irgendwelchen Erwachsenen. Überhaupt sind Erwachsene in diesen Büchern nicht sehr wichtig. Aus diesem Grund habe ich als Kind Hanni und Nanni so geliebt.

Die Frau, der die Abenteuer der Zwillinge eingefallen sind, ist schon vor 45 Jahren gestorben. Sie hieß Enid Blyton und lebte in England. Sie hat sich nicht nur Hanni und Nanni ausgedacht, sondern auch Fünf Freunde (deren neueste Abenteuer kommen gerade diese Woche ins Kino), Dolly, die Abenteuer- und die Geheimnis um- Bücher und viele andere Geschichten, die nicht alle ins Deutsche übersetzt wurden. Mehr als 600 Millionen Bände hat sie weltweit verkauft und ist damit steinreich geworden.

Es gab andere berühmte Kinderbuchautoren vor ihr, aber keiner hat so viele Bestseller veröffentlicht wie Enid Blyton. 700 Titel soll sie geschrieben haben, Blyton wusste es zuletzt selbst nicht mehr genau. In Deutschland gibt es inzwischen viele Blyton-Bücher, die von einer anderen Autorin verfasst, aber unter dem Namen Enid Blyton veröffentlicht wurden. (Im englischen Original gibt es zum Beispiel nur sechs Hanni und Nanni- Folgen, in Deutschland ganze 33.)

Für mich ist Enid Blyton eine der wichtigsten Schriftstellerinnen der Geschichte. Kinder auf der ganzen Welt haben ihre Bücher verschlungen und später ihren eigenen Kindern geschenkt. Wie viele Menschen Enid Blyton berührt hat, spürt man, wenn man ihren Heimatort besucht. Er heißt Beckenham und liegt südlich von London.

Die Häuser, in denen Enid Blyton ihre Kindheit verbracht hat, stehen immer noch da: Mauern aus rotem Backstein, Erker mit großen Fenstern, abgezäunte Gärten. Aber auf den Straßen fuhren damals noch keine Autos, sondern Pferdekutschen. Auf dem Gleis gegenüber ihrem ersten Haus hielt eine Dampflokomotive.

Enid Blyton wurde 1897, also vor fast 120 Jahren, geboren. Schon als Kind hat sie ihren beiden kleinen Brüdern Geschichten erzählt. Mit zehn fing sie an, diese aufzuschreiben. Sie hat sich von echten Personen inspirieren lassen: ihren Lehrerinnen und Mitschülerinnen. Und auch ihre Haustiere hat sie in Geschichten beschrieben. Ihre Biografin Barbara Stoney berichtet, dass Enid eine Seite schnell lesen und danach fast komplett nacherzählen konnte. Sie las viel, denn ihr Vater besaß viele Bücher. Grimms Märchen fand sie gruselig, Alice im Wunderland lustig und Black Beauty traurig.

"Wenn ich zurückschaue, waren das die schönsten Zeiten", sagte Enid Blyton später über ihre Kindheit. "Die Tage schienen immer warm und sonnig, und der Himmel war immer blau." Vielleicht wollte sie sich in ihren Büchern diese heile Welt bewahren, denn auf einmal brach die Idylle zusammen: Als Enid Blyton zwölf war, verließ ihr Vater die Familie für eine andere Frau. Das war eine Katastrophe für Enid. Sie hatte von ihrem geliebten Vater viel gelernt über die Natur, über Musik und Gedichte. Auf einem alten Schulfoto sieht man sie mit ernstem Blick und langen, welligen Haaren zwischen ihren Mitschülerinnen und Lehrerinnen sitzen.

Obwohl ich als Kind England nie besucht habe (geschweige denn ein englisches Internat), konnte ich mir das Schulleben dort gut vorstellen. Ich wünschte mir, auch einmal bei einer Mitternachtsparty von Hanni und Nanni dabei zu sein. Enid Blyton hatte diese Welt so lebhaft und appetitlich beschrieben, aber heute frage ich mich, ob diese Beschreibungen jemals wahr gewesen sind. Habe ich mich meine Kindheit lang an Orte geträumt, die es gar nicht gab?

Das Vorbild für die Internate in Hanni und Nanni und Dolly war Enids Mädchengymnasium. Es wurde später mit einer anderen Schule zusammengelegt und heißt jetzt St. Christopher’s The Hall. Die Schule ist ganz anders als eine deutsche Schule; sie wirkt wie ein gemütliches altes Hotel: grüner Teppich, geschwungene Treppen, Stuck an den Decken, verschachtelte Gänge. Enid Blytons Hockeyschläger und ihr alter Schreibtisch stehen gleich beim Eingang. So stolz ist man hier auf die berühmte Schriftstellerin. Die Tischplatte ist fast quadratisch und hat ein großes Loch für das Tintenfass.

300 Jungen und Mädchen werden an dieser Schule unterrichtet. Im Klassenraum der fünften Klasse sitzen Neun- und Zehnjährige vor Einzelpulten, die so ähnlich aussehen wie das von Enid Blyton – nur ohne das Tintenloch. Sie tragen blaue Hemden und grüne Wollpullunder, dazu gestreifte Krawatten. Sie sehen aus wie kleine Erwachsene. Als ich ihnen erzähle, dass man in Deutschland keine Schuluniform tragen muss, raunen sie. Als ich frage, wer von ihnen ein Buch von Enid Blyton gelesen hat, gehen alle Hände in die Luft.

Obwohl es heutzutage Harry Potter, das Internet und jede Menge Lernstress gibt, verschlingen die Schüler immer noch Blytons Abenteuergeschichten, so wie ich sie damals verschlungen habe. "Die Kinder in den Büchern könnten genauso gut in unserer Klasse sein", sagt ein Mädchen namens Iyun, das eine Brille trägt. "Die Bücher sind nicht modern, aber man kann sich trotzdem in sie hineinversetzen", ergänzt Joshua.

Zu meiner Enttäuschung stelle ich fest, dass heute vieles anders ist, als Blyton es beschrieben hat: Die Schule ist kein Internat mehr, Mädchen lernen zusammen mit Jungs, und sie spielen nicht mehr Lacrosse, sondern Kricket. Die Kinder gehen auch nicht mehr in den Wäldern spielen, weil ihre Eltern sich Sorgen machen – und weil sie selber dafür keine Zeit mehr haben. Auch in den Ferien müssen sie lernen. Also müssen sie Geschichten lesen, um Abenteuer zu erleben.

Andererseits lebt die Kameradschaft, die Enid Blyton immer wieder beschworen hat, fort. Die Schüler sind in vier sogenannte Häuser aufgeteilt, eines davon heißt – Blyton. (Ein Überbleibsel aus der Internatszeit, als es noch verschiedene Wohnblocks gab.) Wenn jemand eine gute Note bekommt oder einem anderen Schüler die Tür aufhält, kann er Pluspunkte für sein Haus sammeln. Wenn er seine Hausaufgaben vergisst oder jemanden ärgert, gibt es Punktabzug. Das führt dazu, dass sich die Schüler besonders anstrengen.

Enid Blyton selbst soll eine sehr gute Schülerin gewesen sein, in ihren letzten beiden Schuljahren war sie hier sogar Schulsprecherin. Musik und Sport mochte sie besonders. Nur zu Hause hatte sie es schwer: Mit ihrer Mutter kam sie gar nicht aus, und als sie mit 19 Jahren das Elternhaus verließ, brach sie den Kontakt zu ihrer Mutter ab und erzählte allen, sie sei schon tot. Sie wurde Lehrerin. Und sie hat die Wirkung ihrer ersten Geschichten immer an ihren Schülern ausprobiert, indem sie sie ihnen vorgelesen hat.

Als sie selbst zwei Töchter bekam, fiel es ihr schwer, mit ihnen umzugehen. Imogen, die jüngere, hat sich später darüber beklagt, dass sie den ganzen Tag im Kinderzimmer sitzen musste, weil ihre Mutter beim Schreiben der Kinderbücher nicht gestört werden wollte. Imogen erinnert sich: "In Wahrheit war Enid Blyton arrogant, unsicher und sehr gut darin, unangenehme Dinge zu verdrängen. Sie hatte keinerlei Mutterinstinkt." Ist das zu fassen? Eine Frau, die Kinder so gut verstehen kann, begreift die eigenen nicht!

Wenn ich mir heute die glücklichen Familienbilder von Enid Blyton und ihren lächelnden Töchtern ansehe, wird mir klar, wie künstlich sie sind. Enid Blyton war wichtig, wie sie nach außen wirkte. Sie wollte die perfekte Familie spielen. Dass sie zweimal geheiratet hat, war zu dieser Zeit schon schlimm genug. Es war damals ungewöhnlich, dass eine Frau so viel arbeitete und an ihre Karriere dachte. Selbst während des Zweiten Weltkriegs – als die Verlage kaum noch Papier hatten – veröffentlichte sie mehrere Bücher pro Jahr. Unter anderem die sechs Hanni und Nanni- Bände.

Viele haben sich gewundert, wie ein einzelner Mensch so viele Seiten füllen kann: Hatte sie andere, die für sie schrieben? Und viele mochten ihren Schreibstil nicht: Die Geschichten seien alle gleich, hieß es, und die Grammatik sei schlecht. Außerdem warf man ihr vor, dass ihre Geschichten voller Vorurteile seien: Zum Beispiel seien die Bösen oft Ausländer, und die Anführer einer Bande seien immer Jungen, nie Mädchen. Der englische Sender BBC weigerte sich jahrzehntelang, Enid Blytons Bücher im Radio vorzulesen oder Hörspiele daraus zu machen. Bibliotheken nahmen sie aus den Regalen, Schulen aus dem Lehrplan. Vor zwanzig Jahren strich der Verlag alle gemeinen Begriffe aus den Büchern heraus, zum Beispiel das Wort "Neger". Da war Enid Blyton aber schon lange gestorben.

Ist Enid Blyton eine schlechte Schriftstellerin, nur weil sie eine schlechte Mutter war? Kann sie eine schlechte Schriftstellerin gewesen sein, wenn so viele Kinder und ich ihre Bücher lieben? In ihrem Heimatort Beckenham hat mir jede Schülerin, jeder Nachbar, jede Lehrerin, jeder Taxifahrer mit leuchtenden Augen von ihrem oder seinem Lieblingsbuch der Enid Blyton erzählt. Vielen hat sie mit ihren Geschichten eine Flucht aus dem unerfreulichen Alltag ermöglicht, sei es während des Krieges – oder heute.

Als Jugendliche waren mir meine Hanni und Nanni- Bücher peinlich – heute würde ich sagen, mir tut jeder leid, der sie nicht kennt.