François Hollande raucht noch keine Schröder-Zigarre. Und er lässt auch noch keine Papiere über den Dritten Weg verfassen wie einst Tony Blair. Aber Genosse der Bosse ist der französische Präsident nun allemal. Kaum zu glauben, wie Frankreichs erste Unternehmer- und Managergarde in den vergangenen Tagen für den Sozialisten öffentlich Spalier stand. Hollandes neue Vorschläge zur Wirtschaftspolitik drückten "einen begrüßenswerten Bewusstseinswandel" aus, lobte Henri de Castries, Chef von Axa, dem größten Versicherungskonzern der Welt. Ausgerechnet der linke Hollande, so de Castries, würde "viele wichtige Dinge als Erster so klar sagen". Nicht weniger angetan war der Vorstandsvorsitzende des größten Kosmetikkonzern der Welt: "Das ist wirklich das, was Frankreich braucht – er bringt eine tolle Dynamik", schwärmte Jean-Paul Agon, Chef von L’Oréal, über den Präsidenten des Landes. Maurice Lévy, demnächst an der Spitze der weltgrößten Werbegruppe Publicis Omnicon, klang da fast schon bescheiden in seinem Lob, als er Hollande vergangene Woche in der ZEIT eine "sehr wichtige Wende" zugestand.

Das sind völlig neue Töne aus den Reihen der französischen Spitzenmanager. Nie zuvor hatten sie einem linken Staatschef kollektiv eine solche Ehre erwiesen. Angewidert reagiert hingegen Thierry Lepaon, Generalsekretär der größten französischen Gewerkschaft CGT: "Ich habe das Gefühl, dass Pierre Gattaz Premierminister ist", ätzte er. Gattaz ist Chef des größten französischen Unternehmerverbandes Medef. Was war geschehen? Hat der bisher als Zauderer bekannte Hollande einfach den Unternehmern das Heft in die Hand gedrückt? Sollen sie sich jetzt etwa um das kriselnde Land kümmern?

Der Eindruck mochte entstehen, weil der Präsident zuletzt mehr mit seinen Frauen als mit den Wirtschaftsproblemen des Landes beschäftigt schien. Doch man muss genauer hinschauen. Bei Hollandes Frauen folgte schon vor Jahren auf die linke Präsidentschaftskandidatin Ségolène Royal die linke Journalistin Valéry Trierweiler – und auf diese nun die linke Schauspielerin Julie Gayet. Alles Frauen, die Mitglied in der CGT sein könnten. Keine, die ihn ohne Weiteres seine linke Vergangenheit abschwören ließ. Nein, gerade die offenkundige neue Liebschaft verlieh Hollandes angekündigter Allianz mit den Konzernen etwas Außergewöhnliches. Handelte er hier erstmals gegen den Rat der ihm am nächsten Stehenden? "Hollande macht seine Revolution", schrieb die bekannte Pariser Bloggerin Françoise Fressoz. Doch die Sache ist deshalb nicht einfacher.

Am Anfang stand das Bekenntnis des Präsidenten: "Ich bin Sozialdemokrat." Zunächst wollte das niemand verstehen. Auf der Pressekonferenz, die Hollande vergangene Woche gab, wurde er gleich mehrmals ungläubig befragt. Daraufhin der Präsident: "Wer immer noch nicht verstanden hat, dass ich Sozialdemokrat bin, darf noch eine Frage stellen."

Man ist eben nicht einfach so Sozialdemokrat in Frankreich. Man ist links oder rechts, sozialistisch oder konservativ, aber Sozialdemokraten waren bisher aus französischer Sicht Nordeuropäer – fremde, kalte Wesen. Hollande outete sich also. Gerade das aber freute die Wirtschaftsbosse. Denn sie wollten ja gerade Stilbruch, Regelverletzung und den Mut zum Risiko, damit in dem aus ihrer Sicht festgefahrenen Land endlich was passiert. "Alles ging bisher in Richtung Niedergang: Industrieproduktion, Vertrauen, Investitionen", klagte L’Oréal-Chef Agon. Das französische Modell basiere zu lange auf künstlichem Wachstum aus den Staatskassen, schimpfte Axa-Boss de Castries. Doch jetzt war Hollande ihr Retter.

Auf sein Bekenntnis folgte ein Versprechen zugunsten der Unternehmen: Stopp der Beitragszahlungen für die Familienversicherung bis 2017. Das bedeutet pro Jahr 30 Milliarden Euro weniger Sozialabgaben für die Unternehmen. Es krachte. "Das erste Mal in unserer Geschichte rührt ein Präsident an den Grundlagen der sozialen Sicherung, die der Nationalrat der Résistance legte", zürnte Gewerkschaftschef Lepaon. Was aber gab es bisher Wichtigeres in Frankreich als das Erbe der Résistance, des Kampfes gegen Hitler? Weg damit, forderten die Bosse seit Jahren. Von de Gaulle bis Sarkozy: Keiner traute sich. Erst der angebliche Zauderer Hollande.

Dem Versprechen fügte er seine Methode hinzu: "einen großen sozialen Kompromiss, den größten, der dem Land seit Jahrzehnten vorgeschlagen wurde". Wieder waren die Firmenchefs begeistert. "Das ist ein Kulturwandel. Bisher gab es keine Konsenskultur in Frankreich. Aber Hollande schafft sie", erklärte der ehemalige Airbus- und EADS-Chef Louis Gallois. Es geht darum, dass Hollande am Ende sogar die Gewerkschaften mit an Bord holen könnte. Drei kleine Gewerkschaften, die zusammen 51 Prozent der Gewerkschaftsdelegierten in den französischen Unternehmen stellen, sind schon reformwillig. "Ein historischer Fortschritt", sagte Gallois. Fehlt im Grunde nur noch die große und bockige CGT. Die gemeinsame Aufgabe wäre, 50 Milliarden Euro in den öffentlichen Haushalten einzusparen, um die staatliche Neuverschuldung, wie von Brüssel verlangt, zu senken. "Illusorisch" nannte Lepaon dieses Sparziel. "Hollande muss die 50 Milliarden finden. Das ist nicht leicht. Deshalb braucht er den Konsens", analysierte Gallois. Aber bekommt er ihn auch? "Ich werde das Spiel spielen", sagte jedenfalls L’Oréal-Chef Agon zu Hollandes Vorschlag, dass alle einen "Pakt der Verantwortung" schließen.