In Paris hat Gerta nicht genug Geld, um ihre Miete zu zahlen und sich Essen zu kaufen. Immer wieder legt sie "Hungertage" ein. Sie arbeitet als Zeitungsverkäuferin, als Sekretärin. "Man nahm alles", wird eine Freundin später sagen, die mit Gerta in Paris lebt. Über diese Freundin lernt Gerta den Fotografen Endre Ernö Friedmann kennen, Spitzname André, einen Mann aus Ungarn, drei Jahre jünger als Gerta und wie sie Jude und ins Exil geflüchtet. André hat dunkle Haare, ist unrasiert, trägt eine Lederjacke. Gerta und André verlieben sich. Es gibt ein Foto, auf dem sieht man die beiden in einem Café sitzen und sich anlächeln. Viele Jahre später wird die amerikanische Journalistin Martha Gellhorn, Hemingways dritte Ehefrau, eine Kurzgeschichte schreiben, in der sie Gerta und André beschreibt: "Sie sahen so aus, wie ich hätte sein wollen. Ich wusste sofort, dass sie ein Liebespaar waren und die Miete nicht bezahlen konnten, und es war perfekt."

Gerta und André ziehen in eine kleine Wohnung in der Nähe des Eiffelturms, er bringt ihr das Fotografieren bei, das Badezimmer dient ihnen als Dunkelkammer. Um seine Bilder besser verkaufen zu können, macht sie aus André einen reichen, in Paris lebenden amerikanischen Fotografen namens Robert Capa. Sie tauscht seine Lederjacke gegen einen Anzug, schickt ihn zum Friseur. Sie selbst nennt sich Gerda Taro und tut so, als wäre sie seine Agentin. Die Einnahmen verdreifachen sich.

Als im Sommer 1936 in den spanischen Städten Straßenkämpfe toben, machen sich die beiden auf den Weg. Sie wollen mit ihren Kameras für die Republik und gegen Franco kämpfen, fahren die Front entlang nach Süden. Capa fotografiert mit einer Leica, Taro mit einer Reflex-Korelle. Ihre Bilder zeigen Kriegswaisen, Bauern, bewaffnete Frauen. Meist nimmt sie einzelne Personen auf, selten ganze Szenen. Im Sechs-mal-sechs-Format dokumentiert sie die Opfer des Krieges: Frauen, Kinder, Alte.

Oft schießen Taro und Capa die gleichen Motive. "Sie hatten das gleiche Lachen, sie lachten zur gleichen Zeit. Sie beobachteten alles, sie sahen alles, sie sahen es zusammen im gleichen Augenblick und auf die gleiche Art", schreibt Gellhorn in ihrer Geschichte. Viele Bilder von Taro werden unter Capas Namen veröffentlicht, sie sind ein Team und froh, wenn sie überhaupt etwas verkaufen können. In den kommenden Wochen drucken Zeitschriften weltweit die Bilder von Capa und Taro. Dass Taro nicht unter eigenem Namen veröffentlicht, wird später dazu beitragen, dass man sie vergisst. Capa ist jetzt ein berühmter Fotograf, Taro hat ihn zu einer Marke gemacht.

In den Wochen an der Front schießt Capa das Bild, das zu einer Ikone der Kriegsfotografie wird: der Fallende Milizionär. Es zeigt einen Soldaten, der seine Arme ausbreitet, er hält ein Gewehr in seiner rechten Hand. Der Soldat, so scheint es, wurde gerade von einer Kugel getroffen, er fällt nach hinten, schließt die Augen, es zeigt ihn im Moment seines Todes. Zwanzig Jahre nach Capas Tod, in den Siebzigern, wird die Welt darüber diskutieren, ob das Bild inszeniert ist. Auch Taro macht damals Bilder dieses Soldaten, aus einem anderen Winkel. Ihre Aufnahmen zeigen, dass die Milizionäre nur üben und patrouillieren, aber nicht kämpfen.

Die Soldaten gewöhnen sich schnell an Capa und Taro. "Die kleine Blonde" wird sie von den Spaniern genannt. "An der Front ist sie bewundert worden", sagt Schaber. "Sie war zäh." Ein Journalist der spanischen Zeitung La Voz trifft auf das Paar und schreibt über sie: "Zwei junge Leute, fast noch Kinder. Er und sie waren unbewaffnet, in den Händen nicht viel mehr als jeder eine [K]amera. Ohne die geringste Angst beobachteten sie den beunruhigenden Sturzflug eines Fliegers über ihren Köpfen. Selbst den am schlimmsten verwüsteten Kampfplätzen bieten sie die Stirn und muntern sich gegenseitig mit einem beschwörenden Vorwärts! auf."

Zwei Monate lang sind Taro und Capa an der Front, bevor sie nach Paris zurückkehren. Immer wieder fahren sie nach Spanien, sie führen ein Nomadenleben. "Wenn deine Bilder nicht gut genug sind, warst du nicht nah genug dran" ist Capas Maxime, die später zu einer goldenen Regel der Reportagefotografie wird. Er meint damit nicht nur die physische Nähe, auch die mentale. Taro und Capa sind immer nah dran. Sie ergreifen Partei. Sie sind keine stillen Beobachter, sie sind antifaschistische Emigranten. Taro glaubt nicht daran, dass es im Krieg Neutralität geben kann. Sie glaubt an einen Sieg der Republikaner. BENUETZE FOTO ALS WAFFE.

Wenige Tage vor ihrem Tod soll Taro gesagt haben: "Wenn du daran denkst, wie viele Menschen wir kennen, die in diesem Krieg gestorben sind, dann ist es unsolidarisch, noch am Leben zu sein."

Es ist der 25. Juli 1937, als sie mit ihrem Schreiberkollegen Ted Allan an die Front fährt. Tags zuvor ist Brunete zurückerobert worden von den Franco-Truppen. Taro ist ohne Capa unterwegs. Im Auto erzählen sich Allan und Taro, dass sie noch immer fest an einen Sieg der Republikaner glauben. An der Front werden sie von einem General gebeten umzukehren, in wenigen Minuten sei die Hölle los. Taro will bleiben, zusammen mit Allan schlüpft sie in ein kleines Erdloch, das kaum Schutz bietet. Bomben explodieren. Maschinengewehre rattern. Es ist ein Luftangriff der deutschen Legion Condor. Während ihr Kollege irgendwie versucht, seinen Kopf zu schützen, hält Taro ihre Kamera in die Luft. Fotografiert die Flugzeuge, den Rauch, die Explosionen, die flüchtenden Soldaten. Der Angriff dauert Stunden. Taro verbraucht alle Filme. Es sind die besten Bilder ihres Lebens.

Viele Fotos, die unter Capas Namen bekannt wurden, stammen von ihr

Als es ruhiger wird, kriechen Allan und Taro aus ihrem Erdloch. Sie wandern über die Felder, vorbei an Hunderten Toten. Unterwegs erwischen sie einen Transportwagen, der Verletzte in die nächste Stadt bringt, sie können auf den Trittbrettern stehen und mitfahren. Plötzlich taucht ein Flieger über ihnen auf, Panik auf der Straße, ein Panzer schlingert auf den Transportwagen zu, auf dem Taro mitfährt. Der Fahrer des Wagens versucht auszuweichen, Allan und Taro klammern sich an ihre Trittbretter. Der schlingernde Panzer streift die Fahrzeugseite, an der Taro sich festhält. Er reißt sie zu Boden und zerquetscht ihr mit einer Gleiskette den Unterleib. Taro schreit. Auf dem Weg ins Krankenhaus erhält sie eine Bluttransfusion. Sie hält ihre Hände auf den Bauch, versucht ihre Eingeweide zurückzudrücken. Im Krankenhaus gibt man ihr Morphium. Sie kommt kurz zu sich und fragt: "Sind meine Kameras gut aufgehoben?" Dann stirbt sie.

Capa fotografiert weiter, zieht von einem Krieg in den nächsten. Man sagt, er habe nie wieder eine Beziehung führen können. "Ich glaube, dass er der Welt mit seiner langen Liste, mit Tausenden seiner Bilder zeigte, was es für eine Welt war, die [Gerda] umgebracht hatte", schreibt Gellhorn in ihrer Geschichte. Mit 40 Jahren wird Capa selbst zum Opfer eines Krieges, als er in Indochina auf eine Landmine tritt. Seine Kamera hält er in beiden Händen, als er stirbt.